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Bekanntmachungen

Die heiligen Feme des Mittelalters!

6. Jan 2013, 16:45
von Lindariel
Einführung


Die Vehmgerichte (oder auch: Feme, Vehme, heilige Feme) muss man sich wie eine Gerichtsverhandlung vorstellen. Sie luden Straftäter vor, führten Gericht und verurteilten den Beschuldigten oder ließen ihn freisprechen. Im Falle einer Verurteilung wurde die Todesstrafe angewandt, da sich die Feme nur bei „todeswürdigen“ Vergehen einschalteten. Wenn jemand angeklagt wurde, hefteten die Femehelfer den Vorladungsbrief an seine Haustür, Gartenzaun, Stadt- oder Burgtor. Der Angeklagte musste dann vor dem Vehmgericht erscheinen. Gehalten wurden die Feme nur in Westfalen. Die Teilnehmer am Vehmgericht waren angesehene Bürger, von denen jedoch niemand wissen durfte, dass sie Richter oder Schöffen beim Vehmgericht waren. Unter sich hatten sie geheime Formeln und Grüße.

Mit diesen Informationen zur Grundlage wurde viel mit der Fantasie gespielt und die Feme wurden so durch Weitererzählen immer geheimnisvoller, sie fanden demnach nachts statt, nur an dunklen Orten, in alten Burgruinen, Menschen verschwanden spurlos und wurden nie mehr gesehen usw.

Tatsächlich wurden die Feme aber am Tag durchgeführt, meist unter dem alten Gerichtsbaum aus germanischer Zeit, der Linde. Die Feme entstanden im 13. Jahrhundert und verschwanden mit dem Ausgang des Mittelalters immer mehr.

Annegarn schreibt in seiner Weltgeschichte dazu:

Das Vehmgericht ist eine merkwürdige Erscheinung in der deutschen Geschichte. Noch heute erregt es oft mächtig die Einbildungskraft, wohl hauptsächlich deshalb, weil durch manche Schriften ganz abenteuerliche und unrichtige Vorstellungen über das Vehmgericht verbreitet sind. Das Wort „Veme“ ist vor dem dreizehnten Jahrhundert nicht bekannt; es bezeichnet eine Gesellschaft oder Genossenschaft, im Besonderen einen Gerichtsverband. Die Vehmgerichte aber sind, gleichwie ein Baum aus mehreren Wurzeln, aus mehreren Rechtsbräuchen hervorgegangen, die sich zum Teil schon zu den Zeiten Karls des Großen und in noch früheren Zeiten gebildet haben. Ihre Hauptwirksamkeit fällt jedoch erst in den letzten Abschnitt des vierzehnten Jahrhunderts, wo ihre Urteilssprüche eine Zeitlang in ganz Deutschland Schrecken erregten. Gesprochen wurde das Urteil nur in Westfalen, auf der „roten Erde“, wie man später sagte. Diese Bezeichnung ist nämlich erst am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts nachweisbar; wahrscheinlich entstand sie in Franken, in der Nachbarschaft eines westfälischen Grenzstriches mit rötlichem Erdboden. Der Ort der Sitzung hieß der „Freistuhl“; die berühmtesten Freistühle standen in Dortmund und Arnsberg.

Teilnehmer der Feme und ihre Rituale

Der Vorsitzende des Gerichts war der Freigraf, der von dem König selbst seine Bestätigung erhielt. Über den Freigrafen stand der Erzbischof von Köln, als Herzog von Westfalen; dieser hieß auch wohl der oberste Stuhlherr. Die Teilnehmer oder Beisitzer des Vehmgerichts waren die „Freischöffen“ oder die „Wissenden“.

Wer Schöffe werden wollte, dessen Unbescholtenheit musste durch zwei Bürgen gewährleistet werden. Im heimlichen Gericht machte der Freigraf den Geprüften zu einem wissenden Mann: da teilte er ihm nämlich seine Pflichten mit, nahm ihm den Eid ab und eröffnete ihm zum Schluss die geheimen Worte und Erkennungszeichen. Der Aufzunehmende kniete zur Ablegung des Eides barhaupt nieder, legte zwei Finger seiner rechten Hand auf Schwert und Strick und schwor:

„Ik gelove by der hilgen Fe, dat ik numer will die Veme waren, helen und hoden, und halden vor Mann vor Wif – vor Torf vor Twig – vor Stock vor Stein – vor Gras vor Grein – vor alle dat tuschen Hemel ind Erden – Got heft laten werden – wente an den Man – de de Veme halden kann.“

(Das heißt: „ich gelobe bei dem heiligen Gesetze, dass ich nunmehr will die Feme bewahren, verheimlichen und hüten, und halten vor Mann vor Weib – vor Torf vor Zweig – vor Stock vor Stein – vor Gras vor Grein – vor allem, was zwischen Himmel und Erden – Gott hat lassen werden – ausgenommen vor dem Mann – der die Feme halten kann.“)

Jetzt sagte der Freigraf mit bedeckten Haupt die heimlichen Namen oder die Losung:

„Stock, Stein, Gras, Grein.“

Dann lehrte er sie den heimlichen Schöffengruß, Der ankommende Schöffe legt seine rechte Hand auf die linke Schulter und sagt;

„Ik grüt ju, lewe Mann!
Wat fange ji hi an?“
(„Ich grüß Euch, lieber Mann!
Was fanget Ihr hier an?“)

Dann legt er seine Rechte auf des andern linke Schulter, worauf dieser das Gleiche tut und dabei spricht:

„Allet Glücke kehre in,
Wo die Fryenscheppen sin.“
(„Alles Glück kehre ein,
Wo die freien Schöffen sein.“)

Außerdem sagt der Freigraf, wie ein altes Rechtsbuch der Feme berichtet, „das Notwort, das Karolus Magnus der heimlichen Acht gegeben hat, nämlich: „Reinig dor Feweri!“ – Wenn ein Schöffe das Geheimnis verrät, „soll man ihm,“ so hieß es, „seine Hände zusammenbinden, ein Tuch um seine Augen legen, dann einen dreifach geflochtenen Strick um seinen Hals legen und sieben Fuß höher hängen, als einen verfemten Dieb.“

Zuständigkeiten der Feme

Die Verbrechen, über die die Vehmgerichte richteten, waren hauptsächlich Diebstahl, Raub, Mord, Meineid und unrechtmäßige Fehde; später kam noch manches andere hinzu. Sowohl Nichtwissende als auch Wissende wurden vor die Freistühle gefordert. Das Verfahren selbst war folgendes: Nachdem im so genannten heimlichen Gericht, die gegen jemand erhobene Anklage angenommen war, wurde dem Angeklagten von den Freischöffen oder Fronboten die Vorladung vor ein offenes Freigericht überbracht. Eine derselben, die in Urschrift auf uns gekommen ist, lautet also:

„Wisset, Hermann Degler und sein Sohn Albert Strodemann, dass ich, Jakob Stoffregen, Freigraf der Grafschaft zu Rheda, Euch tue bitten und entbiete von des heiligen Reiches wegen unter Königsbann, dass Ihr kommt vor den Freistuhl an dem Hundehof bei der Mühle zu Rheda am nächsten Montag nach St. Bartholomäustag zur rechten Richtzeit am Tage und antwortet dort auf die Klage des Johann Stroding, weil die Klage Euch allen hoch geht an Euren Leib und Ehre. Guten Freunde, hie kehret Eure Weisheit zu, dass der schweren Gerichte über Euch keine Not tut.“

Wenn der Verklagte etwa auf einem Schloss wohnte, in das man nicht ohne Gefahr gelangen konnte, so ritten die Schöffen des Nachts vor das Schloss, hauten aus dem Torriegel drei Späne, hefteten dann entweder den Ladebrief an das Tor oder riefen die Wächter an, damit sie die Ladung bestellten. Die ausgehauenen Späne nahmen sie zum Zeugnis mit. Vielfach wurden die Schreiben auch im Dunkel an die Tore der Stadt gesteckt, in der der Vorzuladende sich aufhielt; oder man befestigte sie an Gartenzäunen; auch warf man sie auf die Landstraßen oder auf den Boden der Kirchen.

Ablauf der Feme

Das Freigericht wurde an der alten Malstätte, d. h. Gerichtsstätte gehalten, und zwar ebenso wie das heimliche Gericht nur unter freiem Himmel am hellen Tage von morgens bis nachmittags. Ein kleiner Mann war von festen Schranken umzogen, in der Mitte stand ein Tisch, auf dem Tisch lagen Schwert und Strick. Auf den Bänken zur Seite saßen die sieben Freischöffen. Die Menge der Zuhörer stand um die Schranken ringsum. Erschien der Verklagte nicht, so wurde er für schuldig gehalten und verurteilt, wenn der Kläger die Klage mit sechs Eideshelfern, die aber nur aus den Freischöffen genommen wurden, erhärten konnte. Nichtwissende haben sich sicher nur selten dem Vehmgericht gestellt, da sie ohne Hilfe von Freischöffen verloren waren, besonders wenn ein Wissender klagte.

War der Angeklagte ein Vehmgenosse, so fand manchmal ein Überbieten in der Zahl der Eideshelfer statt, indem er sich schließlich durch dreimal sechs Eideshelfer, die er in langer Kette an seiner Hand vor Gericht führte, von der Anschuldigung reinigen und die Freisprechung erlangen konnte. Die Verurteilung hieß Verfemung und hieß gleichzeitig immer Todesstrafe. In diesem Fall ließ der Freigraf den Spruch ergehen, dass er den Schuldigen aus allem Frieden, allem Recht und aller Freiheit in Königsbann und Wette und in den höchsten Unfrieden setze, ihn rechtlos, friedlos und ehrlos erkläre, seinen Hals dem Strick, seinen Leichnam den Vögeln der Luft überweise, dass er Gott im Himmel seine Seele befehle; sein Lehen und Gut solle ledig, sein Weib solle Witwe, seine Kinder Waisen sein.

Urteilsvollstreckung - Tod durch den Strang

Die „höchste Wette des Königs“ war der Tod durch den Strang. Daher nahm jetzt der Freigraf den Strick, der gewöhnlich aus Weiden geflochten war und daher die „Wide“ hieß und warf ihn über die Schranken des Gerichts und zum Schluss ermahnte er alle Freigrafen und Freischöffen bei ihren Eiden und Treuen, den verführten, verfemten Mann zu strafen, wo immer sie an ihn kommen möchten, nach ihrer Macht und Kraft. Trafen Freischöffen, die mindestens zu dritt sein mussten, einen solchen Verfemten, so knüpften sie ihn an dem nächsten Baum auf, ohne demselben etwas zu nehmen. In außerordentlichen Fällen, wenn ein Verfemter in ungebräuchlicher Weise getötet worden war, steckten die Schöffen ein Messer neben ihn, zum Zeichen, dass er von der Feme bestraft sei. Dieselbe Strafe wurde vollzogen, wenn drei oder mehr Genossen des heimlichen Gerichts einen todeswürdigen Verbrecher auf frischer Tat ertappten. „Einen auf frischer Tat ertappen“ hieß nach westfälischer Sprachweise ihn mit „hebender Hand“ antreffen; dieser handhaften Tat wird oft „gichtiger Mund“ und „blickender Schein“ gleichgestellt, d. h. das Geständnis und der Augenschein.

Das Ende der heiligen Feme

Der ursprüngliche Wirkungskreis der Vehmgerichte erstreckte sich, wie oben erwähnt, nur auf Westfalen, wo überhaupt die alten Einrichtungen und die kaiserliche Gerichtsbarkeit sich am längsten hielten, später aber dehnten sie ihr Richteramt auch auf andere Teile Deutschlands aus. Westfalen, die „rote Erde“, das Land zwischen Weser und Rhein, blieb jedoch der Mittelpunkt; nur hier durfte ein Freischöffe aufgenommen oder wissend gemacht werden.

Das Amt des Freischöffen war ehrenvoll; selbst Fürsten und Edle leisteten den Schöffeneid. So ließ sich auch König Sigismund im Jahre 1459 in Dortmund als Schöffe aufnehmen. So lange die Freigerichte auf große Verbrechen sich beschränkten, gegen die die übrigen Gerichte nicht so kräftig wirken konnten, waren sie in wirren Zeiten oft nützlich und eben so geachtet wie gefürchtet; als sie aber anfingen, ihre Befugnis zu überschreiben und in Streitigkeiten mit anderen Gerichtsbehörden gerieten, wurden sie verhasst. Deswegen erhob man später vielfach Widerspruch gegen dieselben und als die Landeshoheit, die jeden Landesherrn zum obersten Gerichtsherrn in seinem Gebiet machte, vollendet war und das Gerichstwesen im sechzehnten Jahrhundert in Deutschland neu eingerichtet wurde, verschwanden sie allmählich ganz aus der Geschichte.

In gänzlich veränderter Gestalt freilich haben noch einzelne Reste sich bis in das 19. Jahrhundert erhalten. Das letzte Freigericht zu Gemen in Westfalen wurde erst im Jahre 1811 förmlich aufgehoben und der letzte Freigraf starb im Jahre 1835. Das vermeintliche Geheimnis der Losung wollten er und die letzten Schöffen niemandem mitteilen; sie haben es mit ins Grab genommen.

Schluss

Viele Fabeln sind, wie schon angedeutet, über die Vehmgerichte lange Zeit verbreitet gewesen. Wenn sich auch bei denselben, besonders späterhin, ein Streben nach Heimlichkeit kundtut, so haben sich doch die Vehmgerichte nicht in das dichte Dunkel gehüllt, wie Dichter und Romanschreiber erzählen. Für uns hat die Feme überhaupt keine Heimlichkeit mehr, da ihre Rechtsbücher und Schriften offen vor uns liegen. Die Losung besteht nur in ein paar Worten aus dem Vehmeid und selbst das seltsame Notwort ist schon sinngemäß gedeutet worden.

Wenn auch die Vehmgerichte ferner sich manches Recht willkürlich angemaßt haben und auch Missbräuche bei diesen Gerichten vorgekommen sind und die ganze Form des Verfahrens bedenklich war, so haben sie sich doch, wie jetzt, seitdem man ihr Wirken aus Urkundne in neuerer Zeit besser kennen gelernt hat, feststeht, keine solche Frevel erlaubt, wie man früher meinte. Auch die Zahl der wirklich vollzogenen Todesurteile ist nach allem, was wir wissen, sehr gering. Kerkerhaft, Folter und Schauder erregende Todesstrafen, die bei anderen Gerichten damaliger Zeit vorkommen waren der Feme unbekannt. Auch konnte ein Verurteilter stets bei einem anderen Freistuhl Berufung einlegen.

Das Gericht wurde, wie sonst, „bei rechter Tageszeit und scheinender Sonne“ gehalten, unter freiem Himmel, an der alten Malstätte, etwa unetr einer alten Eiche oder Linde, am Hollunder, im Baumgarten, nicht des Nachts, nicht in Höhlen, finsteren Gewölben oder einsamen Burgen.

Das Faust- und Fehderecht des Mittelalters

6. Jan 2013, 16:40
von Lindariel
Einführung

Die vorstehende Abhandlung erörterte ein Institut des Mittelalters, das Jahrhunderte lang die wahre Geißel unseres Vaterlandes und der Fluch der Friedfertigen und Schutzbedürftigen wurde, das Faust- und Fehderecht des Mittelalters. Um über das Fehderecht des Mittelalters zu verstehen, ist es unerlässlich, das germanische Faust- und Fehderecht kurz zu berühren. Sie sind von einander verschieden, sowohl in ihrem Grundgedanken und Prinzip als in ihren Einrichtungen im Einzelnen, beide aber werden nicht selten als Ein und Dasselbe behandelt. Das germanische Fehderecht bildet eine wesentliche Seite des germanischen Strafrechts, während das Fehderecht des Mittelalters mit dem Strafrecht des Mittelalters in gar keiner wesentlichen oder auch nur unmittelbaren Beziehung steht.

Das germanische Strafrecht

Das germanische Strafrecht — und somit sein Fehderecht — beruhte auf einem einfachen, natürlichen, schlichten und zugleich rohen Sinne und höchst lockeren Staatsverbänden jener Zeiten einen ganz angemessenen Grundgedanken. Das Rechtsverhältnis erschien dem Germanen als ein Friedensverhältnis, das zunächst der einzelne Freie, seine Familie und seine Genossen, und nur im Notfall das Volk und seine Vorsteher zu schützen hatte. Von Jemandem böswillig verletzt zu werden und seine Rechte mit Füßen getreten zu sehen, ist ein Hohn, ein Schimpf, bei welchem ein Friedensverhältnis nicht bestehen konnte, und der Genugtuung fordert, da ihn ein ehrenhafter Mann nicht hatte dulden können.

Wer daher einen anderen böswillig verletzte, brach eben dadurch mit dem Verletzten und dessen Familie und Genossen den Frieden; er setzte sich also von selbst mit ihm in einen Kriegsstand. Der Staat jedoch traf bei den lockeren Staatsverbänden und bei der großen Freiheit und Ungebundenheit des Einzelnen zunächst nicht vermittelnd ein, sondern überließ es dem Verletzten und dessen Familie, sich selbst wieder Frieden, Recht und Genugtuung zu verschaffen. Deshalb hatte der durch ein Verbrechen Verletzte das Recht, mit seiner Familie und seinen Genossen gegen den Friedensbrecher Fehde (Faida) zu erheben und ihr alle ihm nur mögliche Ausdehnung zu geben und im Blute des Friedensbrechers Genugtuung für den erlittenen Hohn zu suchen, bis es dem Friedbrecher etwa gelang, sich mit ihm auszusöhnen und den Frieden wieder herzustellen.

Die Komposition

Wäre aber das Recht zur Fehde die einzig mögliche Folge des Verbrechens gewesen, so hätte sich der Starke Alles gegen den Schwachen erlauben können. Deshalb musste das Volk dem Verletzten, wenn er nicht zur Fehde greifen wollte oder sich dazu zu schwach fühlte, eine andere Genugtuung für das erlittene Unrecht und für den gebrochenen Frieden sichern. Diese bestand aber nicht in körperlicher Strafe — denn eine solche fand man allgemein nur gegen Sklaven und Unfreie, gegen Freie aber bloß dann anwendbar, wenn sie unmittelbar als Feind des Gemeinwesens auftraten, z.B. durch Verrat an den Feind, Mord des Heerführers und dergleichen — sondern sie bestand in einem Sühnegeld (Compositio).

Der Verletzte konnte sich an das Volksgericht wenden und das Volk sorgte für die Stellung des Friedbrechers vor Gericht und zwang ihn dann zur Genugtuung und dadurch zur Wiederherstellung des Friedens. So ergänzte sich Beides — Fehderecht und Recht auf Komposition — wesentlich, und wenn manche Historiker, wie Heinrich und Luden, beim germanischen Strafrecht bloß von der Komposition sprechen und das Fehderecht ganz ignorieren, so entging ihnen gerade die wesentlich ergänzende Seite. Ebenso fehlen Andere, namentlich Juristen, darin, dass sie, wie z.B. Jarke, glauben, nicht der Verletzte habe zwischen Fehde und Komposition zu wählen gehabt, sondern der Friedbrecher habe durch Anbieten der Komposition stets die Fehde abwenden können — wonach also der Reiche sich Alles hätte erlauben können, weil er jede Untat durch Buße hätte sühnen können—, oder dass sie, wie Rogge und nach ihm Wigand und Andere, behaupten, der Verletzte habe zwar unbedingt Fehde erheben können, aber wenn er auf Komposition geklagt habe, sei es in der Willkühr des Friedbrechers gestanden, ob er die Komposition zahlen oder nicht lieber die Fehde übernehmen wolle — wodurch der Starke sich Alles hätte erlauben können, weil man ihn nie zur Komposition hätte zwingen dürfen.

In dem Grundsatze vielmehr, dass jedes Verbrechen, Mord, Raub, Brand, Gewalt aller Art u.s.w. mit Geld gesühnt wurde, wenn es zur Klage kam, lag kein Privilegium für den Reichen, denn er hatte die Fehde des Verletzten, seiner Familie und seiner Genossen zu fürchten. Von der andern Seite aber lag in dem Fehderecht kein Privilegium für den mächtigen, starken Verbrecher; denn das Volksgericht zwang ihn auf die Klage des Schwachen zur Genugtuung und Buße und zur Wiederherstellung und Gelobung des Friedens.

Höhe der Buße

Und diese Buße war so bedeutend, dass sie den Armen, der sie erhielt, leicht in einen Reichen, und den Reichen, der sie geben musste, leicht in einen Armen verwandeln konnte. Nehmen wir z.B., dass nach den Gewohnheiten jener Zeit bei den Franken eine Kuh einem Schilling (Solidus) und ein Pferd 6 Schillingen gleichstand. Die Buße, wenn das Geld nicht aufzutreiben war, in solchem anderen Eigentum bezahlt werden musste: so musste der Mord einer wehrlosen Frau mit 600 Kühen oder Schillingen an die Familie gesühnt werden. Ähnlich bei geringeren Verletzungen, besonders da, wo Schwachheit oder Ehrbarkeit verletzt wurde. Wer einer Frau unehrbarer unrechtlicher Weise die Hand streichelte — si manum strinxerit — musste bei den Salfranken es mit 15 Schillingen, also im Notfalle mit 15 Kühen büßen; tat er es am Unterarm: so stieg die Buße auf 30; streichelte er den Oberarm: so konnte er auf 35 Schillinge, also auf den Wert von 35 Kühen oder von wenigstens 5 Pferden belangt werden, und betastete er die Brust: so musste er noch 10 Schillinge oder 10 Kühe u.s.w. mehr zahlen.

Unterscheidung der Rechtsverletzungen

Aber nicht jede Rechtsverletzung berechtigte zur Fehde, sondern nur eine solche, durch welche der Rechtsfriede in Wahrheit gebrochen wurde. Deshalb konnte bei Zivilansprüchen, denen der Gegner sich nicht fügte, nicht zur Fehde geschritten, sondern es musste der Richter angegangen werden; ebenso bei Verletzungen, die nicht vorsätzlich zugefügt wurden; denn der Friede wird wahrhaft nur von Dem gebrochen, der absichtlich und wissentlich einen Andern verletzt, und so gegen Denselben als Feind auftritt.

Wer daher einen Anderen durch bloße Fahrlässigkeit noch so empfindlich verletzte, selbst wenn er des Andern durch Fahrlässigkeit tötete, konnte nicht befehdet werden; es trat hier bloß Komposition ein, und es hieß deshalb in solchen Fällen in den alten germanischen Rechtsammlungen: componat, cessante faida, quia nolendo fecit. Bloß hinterhältige Verbrechen waren somit Friedensbruch, die zur Fehde führen konnten. Auch war die Ausübung des Fehderechts da, wo ein solches Recht bestand, sehr beschränkt. Namentlich sollte Jeder in seinem Hause und in seiner Wehre vor aller Vergewaltigung sicher sein, sodass selbst gegen den Verbrecher, wenn gegen ihn Fehde erhoben wurde, so lange er sich in seiner Wehre hielt, nichts unternommen werden durfte. Ebenso hatte der Befehdete Frieden in der Kirche oder an der Gerichtsstelle oder auf dem Wege dahin und zurück und beim König und auf dem Wege zu und von ihm. Eine Verletzung in solchen Fällen wurde durch keine Fehde gerechtfertigt und war mit schwerer Buße zu sühnen. Auch konnte der König dem Befehdeten seinen Königsfrieden erteilen und dadurch ihn gegen die Fehde schützen.

Veränderungen des Fehderechts unter den Karolingern

Unter den karolingischen Königen aber wurde das Fehderecht überhaupt, auch im Grundsatze selbst, eingeschränkt. So, wie es nach den alten Gesetzen und Gewohnheiten bestand, war es mit einer geordneten, festen Staatsverbindung doch unvereinbar, und es musste zu Missbräuchen und großen Verwirrungen führen. Es war daher natürlich, dass die Carolingischen Könige mit dem Steigen ihrer Macht, und dass die christliche Kirche mit der Zunahme ihres Einflusses, dem Fehderecht mehr und mehr entgegenzuwirken suchten. Ein Anhaltspunkt hiefür lag in dem angeführten Rechte des Königs, einem einzelnen befehdeten Königsfrieden zu erteilen, und dadurch jede Fehde gegen ihn zu hemmen. Auch machte sich bei schweren Verbrechen, namentlich bei Mord, Brand, Raub, Vergewaltigung und anderer groben Gewalttat und bei Diebstahl, immer mehr der Gedanke geltend, dass sie, wenn gleich unmittelbar bloß gegen Einzelne begangen, doch mittelbar den gemeinen Frieden des Staates und seine Ruhe und Sicherheit empfindlich stören, und daher der Staat durch eine öffentliche körperliche Strafe, wenn Klage erhoben wurde, der beleidigten Gesamtheit und der gestörten Rechtsordnung Genugtuung zu geben habe.

Die Geistlichkeit unterstützte dies dringend durch den biblischen Satz, dass der Obrigkeit das Schwert der Gerechtigkeit in die Hand gegeben sei, und durch die Rücksicht auf die alttestamentlichen Gebote. So kam es denn, dass schon gegen das Ende des 8. Jahrhunderts von der einen Seite nur die schwereren, hinterhältigen Verbrechen, die causae majores, für Friedensbruchsachen galten, das heißt für solche Verbrechen, wegen welcher gegen den Verbrecher Fehde erhoben werden durfte; und bei geringen hinterhältigenVerbrechen, den Freveln, alles Fehderecht ausgeschlossen war — von der andern Seite aber bei jenen schwereren Verbrechen, wenn keine Fehde, sondern Klage erhoben wurde, öffentliche körperliche (Todes- oder verstümmelnde) Strafe einzutreten pflegte.

Der Ursprung des mittelalterlichen Fehderechts

Nach dem Erlöschen des Carolingischen Mannsstammes verloren die alten Rechtsbücher der Deutschen Stämme und die Gesetzgebung der Karolinger allmählich durch die Einwirkung vielfacher Momente ihr Ansehen. Allein manche ihrer Grundgedanken hielten sich noch in den Gewohnheiten fest; andere wirkten für die Entstehung verwandter Institute, und neben ihnen erzeugten die neuen Verhältnisse neue Einrichtungen. So finden wir auch das ganze Mittelalter hindurch ein Fehderecht, sowohl in der Praxis geübt, als auch in den gesetzlichen Landfrieden, d. h. in den zur Aufrechthaltung der allgemeinen Sicherheit und Ordnung gegebenen Reichsgesetzen, gesetzlich anerkannt. Ist nun dieses Fehderecht das altgermanische, oder ist es ein ganz anderes, auf ein völlig anderes Prinzip gebautes? Darüber sind die Ansichten sehr verschieden, sowohl unter den Historikern, die freilich über die Frage meist ziemlich hinweg schlüpfen, als auch unter den Juristen.

Ein Teil — und dahin gehören beinahe ohne Ausnahme die älteren Historiker und Juristen und auch manche Neuere — glaubt, das Fehde- und Faustrecht des Mittelalters sei ursprünglich nichts anderes gewesen als ein absolutes Recht des Stärkeren, ein maßloses Recht der rohesten Gewalt! Jeder waffenfähige Freie habe das Recht gehabt, ganz nach Belieben ohne Weiteres und ohne besondere Veranlassung Fehde gegen Andere zu erheben und nach Willkür Krieg zu führen und Gewalt zu gebrauchen, wenn er nur drei Tage vorher die Fehde gehörig angesagt habe. Allein diese Meinung ist entschieden unrichtig und durch sie bürdet man den Gesetzen und Gewohnheiten des Mittelalters einen Flecken auf, den sie nicht an sich tragen. Selbst in den rohesten Zeiten einer staatlichen Verbindung wird man ein solches absolutes Fehderecht, ein solches brutales Recht des Stärkeren, nicht finden, und selbst der rohen altgermanischen Zeit und seiner ganz lockeren Staatsverbindung war eine solche Ausgeburt fremd, bei welcher ein Staat, der sie anerkennen würde, zugleich seine Unmöglichkeitund seine Auflösung sanktionieren würde.

Auch geben die Urkunden des Mittelalters, welche vom Fehderecht sprechen, nirgends ein solches Fehderecht zu.Zwar beruft man sich auf die Praxis des Mittelalters und besonders auf die Zeiten des Interregnums, in welchen sich das Recht zur willkürlichen Fehde begründet habe. Allein die Missbräuche, die Einzelne vom Fehderecht machten und die freilich unzählige Male vorkamen und vorkommen mussten, können nicht als Beweis für das angeführt werden, was als Recht bestand, so wenig man bei uns aus den häufigen Diebstählen folgern kann, dass jemals in Deutschland das Stehlen ein erlaubter Modus acquirendi sei! In jenen Zeiten des Interregnums, der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, in welchen es Deutschland teils an einem kräftigen, teils ganz an einem Haupte fehlte, war nur der Missbrauch des Fehderechts, das Überschreiten der Gesetze aufs Höchste gestiegen. So aber, wie es damals als Recht bestand, hatte es schon hundert Jahre früher bestanden, aber keineswegs bestand es als absolutes Recht zur Gewalt. Andere sind der Ansicht, das Faust- und Fehderecht des Mittelalters sei ursprünglich eigentlich nichts anderes gewesen, als das germanische Fehderecht in der Art, wie es unter den Karolingern noch bestanden habe.

Es habe also stattgefunden bei verübten schweren Verbrechen gegen den Verbrecher, und bloß der durch ein solches Verbrechen Verletzte oder seine Familie habe Fehde erheben können. Dieser habe aber in solchen Fällen schon an sich ohne Weiteres das Recht zur Fehde, also, ganz wie in den alten Zeiten, die Wahl zwischen Anklage und Fehde gehabt; nur das vorgängige Ansagen der Fehde sei als notwendige Form noch hinzugekommen. — Diese Ansicht ist ebenso unhaltbar, wie die vorhin angeführte. Sie beschränkt von der einen Seite das Fehderecht zu sehr, und dehnt es von der andern Seite zu sehr aus. Mit ihr sind schon, wie gezeigt werden wird, die Formen ganz unvereinbar, unter denen das mittelalterliche Fehderecht ausgeübt werden musste. Sie ist aber auch in direktem Widerspruch mit allen Urkunden des Mittelalters, besonders mit den vom Fehderecht handelnden Landfrieden.

Das Fehderecht im Hochmittelalter

Das alte Fehderecht war verschwunden und nur ein Nachklang desselben erhielt sich noch im gerichtlichen Zweikampfe, der als Beweismittel im Mittelalter bei den Causae majores, bei denen alle Friedensbruchsachen, zulässig waren. Was aber die Fehde betrifft: so war im Mittelalter nicht bloß gegen den schweren Verbrecher Fehde erlaubt, sondern gegen Jeden, der die geringste Verletzung zufügte; ja sie war gestattet auch wegen jedes zivilrechtlichen Anspruches, selbst wegen des unbedeutendsten Anspruches. Allein sie war in allen diesen Fällen nicht ohne Weiteres gestattet, selbst nicht gegen den schweren Verbrecher, sondern sie war nur erlaubt gegen Denjenigen, gegen welchen die Gerichte Recht zu verschaffen nicht im Stande waren mit einem Worte: sie war lediglich eine erlaubte Selbsthilfe in allen Fällen, in welchen dem aus irgend einem Grunde Berechtigten der Staat zu seinem Rechte nicht verhelfen konnte. Und Dieses kam auf eine ganz natürliche Weise und entwickelte sich mit Notwendigkeit aus den Ansichten und Verhältnissen jener Zeit.

Das Prinzip, auf dem das germanische Fehderecht beruhte, passte auf die geänderten Ansichten und Verhältnisse nicht mehr. Man ging immer mehr davon aus, dass durch schwere Verbrechen die ganze Rechtsordnung gestört, der Friede mit der Gesamtheit gebrochen werde. Dieser Ansicht musste es aber widersprechen, wenn dem einzelnen Verletzten es gestattet worden wäre, sich durch Fehde Genugtuung zu verschaffen. Man hielt ferner immer mehr an dem Gesichtspunkte fest, den schon die Karolinger geltend zu machen anfingen,dass ein durch ein verübtes Verbrechen, ohne Weiteres begründetes Fehderecht mit den staatlichen Verhältnissen unvereinbar sei. So kam man zu dem Grundsatz, dass wegen jedes Verbrechens nur durch Anklage vor dem Richter Genugtuung gesucht werden durfte, sei es durch Klage auf körperliche Strafe oder auch auf Komposition. Allein bei der Anarchie, die vom 11. Jahrhundert an in Deutschland herrschte, durch welche die Wirksamkeit der Gerichte durchaus gelähmt wurde und bei der man sowohl in Zivil- als in Kriminalsachen auf gerichtlichem Wege seines Gegners unzählige Male nicht mächtig werden konnte, mussten Kaiser und Reich ein Recht zur Selbsthilfe wenigstens in dem Falle anerkennen, "wenn durch die Gerichte keine Hilfe zu erlangen stand." Hier war es dem Beeinträchtigten überlassen, Fehde gegen den Gegner zu erheben und sich selbst Recht und Genugtuung zu verschaffen.

Dadurch nun, dass so die Fehde bloß ein Notmittel wurde, von welchem nur dann Gebrauch gemacht werden sollte, wenn der Richter kein Recht verschaffen konnte oder wollte, fiel zugleich die Beschränkung des Fehderechts auf den Fall einer durch ein schweres Verbrechen erlittenen Verletzung weg, und nicht mehr der durch ein Verbrechen verübte Bruch des Friedens war es, der ein Recht zur Fehde begründete, sondern lediglich die "Unmöglichkeit, durch den Richter Recht zu erlangen." Wer daher Fehde erhob, ohne in eine solche Unmöglichkeit versetzt zu sein, brach selbst den Landfrieden und wurde als Friedbrecher bestraft.

Dagegen konnte, wenn vom Richter nicht Recht zu erlangen war, wegen jeder Rechtskränkung Fehde erhoben werden, wenn sie auch in einer bloßen Nichtanerkennung oder Nichterfüllung einer privatrechtlichen Verbindlichkeit bestand. Diese Prinzipien spricht aufs Klarste aus der Landfriede von 1235, und von denselben Prinzipien gehen frühere Landfrieden z. B. der von Friederich I. von 1158, und spätere z. B. die von 1281, 1287, 1303, die goldene Bulle Kapitel 17 und der Reichsabschied von 1442 aus. So sagt, um nur das Eine anzuführen, der Landfriede von 1235 wörtlich: "Was auch Jemanden widerfahre — dass er das nicht räche! Er klage es seinem Richter! Es sei denn, dass er sich zur Not seines Leibes und seines Gutes wehren muss. Wer seine Klage aber anbringt: wird ihm nicht gerichtet, und muss er durch Not seinen Feinden widersprechen, — das soll er tun bei Tage, und von dem Tage bis an den vierten Tag soll er ihm keinen Schaden tun, weder an Leib, noch an Gut; so hat er drei Tage Frieden."

Die Ausübung des beschriebenen Fehde- und Faustrechts war nämlich an gewisse Formen gebunden. Wer sich in die Lage versetzt sah, Fehde zu erheben, musste seinem Gegner die Fehde vorher offen und förmlich ankündigen: drei Tage — nach manchen Landfrieden vier Tage — vor ihrem Beginn (diese Ansage, wie die Fehde selbst, hieß diffidatio). Diese Form, welche schon im Landfrieden von 1187 eingeschärft wird, war dem germanischen Rechte gänzlich unbekannt. Dies erklärt sich leicht, und bestätigt zugleich das vorhin Ausgeführte. Im germanischen Recht war Fehde nur erlaubt gegen den Friedbrecher. Dieser wusste vorher, dass er durch den Friedensbruch nicht bloß einer Anklage, sondern ebenso sehr auch der Fehde sich aussetze. Auch ist er es ja, der nach dem Sinne des germanischen Rechtes den Unfrieden beginnt; deshalb brauchte man ihm nicht erst den Frieden aufzukündigen. Ganz anders musste es aber werden, sobald die Fehde nur als Notmittel zulässig ist und zwar in allen Fällen, in welchen man zu seinem Rechte nicht gelangen zu können glaubt, also auch wenn der Gegner in gutem Glauben ist und selbst Recht zu haben vermeint, oder der Richter aus Lässigkeit Gunst oder Feigheit Recht verweigert.

Hier konnte man nicht sagen, dass der Gegner durch sein Nichtnachgeben von selbst den Fehdestand beginne; auch war es immer ungewiss, ob der Gegner wusste, wie weit man Ansprüche an ihn mache und ob er sich nicht freiwillig zu ihrer Erfüllung verstehen werde, wenn man ihm mit dem Notmittel drohe. Hier forderte die Sicherheit des vielleicht ganz unschuldigen Gegners und die ritterliche Ehre, dass man ihm Zeit zum Nachgeben oder Zeit, sich auf Widerstand zu rüsten, lasse. So konnte und musste beim gänzlich veränderten Prinzip, auf welches das Fehderecht sich stützte, eine besondere Form der Ausübung des Rechts durch die Sitte sich bilden, sowie gerade wieder diese Form für die im Prinzip vorgegangene Veränderung spricht.

Der Fehdebrief

Die Form der Ansage der Fehde gehörig einzuhalten, war nicht nur ein Ehrenpunkt, sondern wer sie nicht beobachtete, wurde als Landfriedensbrecher bestraft. Es musste daher, wer Fehde erhob, sich wohl vorsehen, dass er nötigenfalls die geschehene förmliche Absage gehörig beweisen konnte, deshalb schreiben die Reichsgesetze vor: Wer zur Fehde schreiten wolle, solle sie ankündigen durch einen Brief, den ein Bote in die Wohnung des zu Befehdenden bei Tag zu bringen hat. Den Beweis der eingehaltenen Form muss der Bote und der Schreiber des Briefs durch seinen Eid erbringen; stirbt der Bote: so muss der Befehdende mit zwei glaubwürdigen Eidhelfern die geschehene Absage beschwören. Verletzt der zu Befehdende den Boten, so ist er ehrlos und die Form der Absage braucht nie mehr gegen ihn beobachtet zu werden.Die Form der Fehdebriefe ist ziemlich übereinstimmend.

Wenigstens fand ich in mehr als hundert Fehdebriefen aus verschiedenen Zeiten und Orten im Wesentlichen dieselbe Form. Der Absagende benennt im Briefe zunächst seinen Gegner und sich und in der Regel auch den Grund der Absage, erklärt, dass er des Andern Feind sein wolle, und verwahrt seine Ehre wegen aller Folgen durch den offenen Absagebrief. Zum Belege nur zwei Beispiele. Ein Fehdebrief an die Reichsstädte Ulm und Esslingen vom Jahr 1452 lautet so:"Wisset Ihr Reichsstädte, dass ich Claus Dur von Sulz und ich Waidmann von Deckenpronn, genannt Ganser, und ich Lienhard von Bercken, genannt Spring ins Feld, Euer und aller der Eitrigen Feind sein wollen, von wegen des Junker Heinrich von Isenburg. Und wie sich die Feindschaft fürder macht, es sei Raub, Brand oder Todschlag: so wollen wir unsere Ehr mit diesem unserem offenen besiegelten Brief bewart haben. Dies zu Urkund haben wir u.s.w."

Ähnlich lautet folgender Fehdebrief an die Stadt Speier vom Jahr 1430: "Wisset Burgermeister und Rath der Stadt Speier, dass ich Winrich v. Fischnich Euer Feind sein will wegen der Ansprach, die ich an Euch zu machen han; — und fiel da Unrat vor, wie sich das machen möcht: so will ich das meine Ehre gegen Euch und die Euren bewahrt haben durch diesen meinen offenen besiegelten Brief u.s.w." Eine weitere in den Reichsgesetzen ausgesprochene Beschränkung der Fehde bestand darin, dass bei Ausübung derselben gewisse Personen und Sachen geschont werden sollten. Der Zweck war, Widerstandsunfähige zu schirmen, den Verkehr zu sichern, den Feldbau zu schützen und heilige Gegenstände vor Entweihung zu wahren. Deshalb hatten besonderen Frieden, d. h. durften bei einer Fehde nicht verletzt werden: Geistliche, Kindbetterinnen, schwer Kranke, Pilger, Kaufleute, Fuhrleute mit ihrer Habe und Kaufmannschaft, Ackermann und Weingärtner während der Feldgeschäfte und das außer seinem Hause befindliche Gerät, die er nötig hat, und Kirchen und Kirchhöfe.

Der Gottesfrieden

Eine weitere Beschränkung des Fehderechts führte der Klerus ein, und zwar zuerst die Geistlichkeit in Frankreich, von wo aus sie sich auch bald über Deutschland verbreitete, den Gottesfrieden, Pax oder Treuga Dei. An gewissen Tagen des Jahrs und außerdem noch vier Tage in jeder Woche, von Mittwochabend bis Montagfrüh, soll nach ihm jede Fehde ruhen. Dieses Gottesfriedens, der jedes Mal besonders eingeläutet wurde, erwähnt zwar kein Deutsches Reichsgesetz, (wohl aber der Sachsenspiegel II, 66 und das Canonische Recht), und deshalb hatte seine Verletzung keine unmittelbare bürgerliche Nachteile. Allein sie konnte doch mittelbar zur Acht führen; denn wer den Gottesfrieden verletzte, kam in den Kirchenbann, und wer innerhalbeiner gewissen Zeit aus dem Kirchenbanne sich nicht löste, kam in die Reichsacht.

Dabei galt bei der Fehde des Mittelalters nicht mehr das Hausrecht und der Hausfriede, in welchem der Germane bei der Fehde geschützt wurde. Alles war in der mittelalterlichen Fehde gegen den Befehdeten gestattet; er konnte in seinem Haus und in seiner Burg auf jede Weise durch Gewalt und Brand verfolgt werden.Die Verletzung der durch die Reichsgesetze festgesetzten Beschränkungen der Fehde aber hatte dem Gesetz nach stets schwere Strafen zur Folge. Wer Fehde erhob, ohne richterliche Hilfe versucht zu haben, wer die Fehde nicht gehörig ankündigte, wer den angeführten besondern Frieden gewisser Gegenstände oder Personen verletzte, war Landfriedensbrecher und seine Strafe war gewöhnlich der Strang.

Missbrauch des Fehderechts - Raubritter

Dies dem Gesetz nach. In der Praxis sah es freilich nicht selten anders aus. Denn die Missbräuche lagen bei den ganzen Rechten gar zu nahe und alle Verhältnisse jener Zeiten begünstigten sie nur zu sehr. Und besonders war es der Adel, den in jener Zeit der Vorwurf solcher Missbräuche traf. Zwar war jeder vollkommen Freie zur Fehde berechtigt. Allein die Städte waren in der Regel froh, wenn sie nicht befehdet wurden und griffen meist nur aus Not und innerhalb der gesetzlichen Schranken zur Fehde. Dem kriegerischen Adel aber war die Fehde von der einen Seite Lust, von der andern Seite reicher Erwerb. Denn selbst Raub, in gehöriger Fehde am Gegner und seinen Angehörigen begangen, war ganz erlaubt und diese Deprädatio verunehrte Niemanden.

Die Gelegenheit aber war zu lockend, die Schranken zu überschreiten, keinen besondern Frieden mehr zu achten, und unter dem Vorwand der Fehde jede Straße unsicher zu machen. Und wer sollte den mächtigen Räuber, der wie man es nannte, sich auf Reiterei legte oder vom Satteloder vorn Stegreif lebte, bestrafen? Der Kaiser hatte selbst genug mit seinen Gegnern zu schaffen, und solche Fürsten waren selten; wie Rudolf I., welcher, obgleich früher selbst ein gewalttätiger Raubritter, doch später als Kaiser mit Strenge und Ernst gegen die Friedbrecher verfuhr, und z.B. auf einem Zuge nach Thüringen 29 ritterliche Landfriedensbrecher aufknüpfen und 66 Raubschlösser zerstören ließ und ebenso in Schwaben auf einem Zuge 5 Raubschlösser bei Calw zerstörte, oder wie der Herzog Albert von Braunschweig, welcher den räuberischen Grafen von Eberstein bei den Beinen aufhängen, wenn gleich nachher als Grafen ehrenvoll begraben ließ.

Zu allen Zeiten des Mittelalters waren daher die Klagen über die Missbräuche des Faust- und Fehderechts allgemein und die Reichsgesetze eifern stets gegen dieselben, aber freilich vergeblich. Noch am Ende des 15. Jahrhunderts schreibt der zweite Kanzler der Universität Tübingen, Nauclerus, in seiner Chronographia von der Ritterschaft Schwabens seiner Zeit in dieser Hinsicht: "arces et castra in montibus et silvis collocant, de patrimanio et reditibus suis tictitant; verum übt haec deerunt, aliqna occasione sumta praedari non verentur", und ein Römischer Kardinal sagte um dieselbe Zeit von Deutschland: "Germania tota unum latrocinium est, et ille int er no blies glvriosior, qui rapacior."

Ausuferung des Fehderechts

Selbst aber auch abgesehen von solchen Missbräuchen: so musste doch schon an sich das Fehderecht zur größten Anarchie und zu allen möglichen Gräueln führen, wenn es auch im Ganzen innerhalb der gesetzlichen Schranken geübt wurde. Die Fehde begann gewöhnlich mit der in der Fehde erlaubten Zerstörung der Besitzungen des Gegners und mit der Vergewaltigung seiner Hintersassen, Schutzpflichtigen und Hörigen. So war es dann gewöhnlich, dass der arme Landmann für die Taten seines Herrn büssen musste. Der Herr nahm freilich wieder Besitz von den Besitzungen des Befehdenden und von den Hintersassen derselben. Allein was gewannen dadurch seine armen Leute? Die Zahl der Unglücklichen wurde nur vermehrt, und manche mochten von sich sagen können, was ein Markgraf von Brandenburg von sich rühmte, dass er in seinem Leben 170 Dörfer verbrannt habe.

Nehmen wir irgendeine Chronik aus jenen Zeiten in die Hand: so finden wir beinahe auf jeder Seite dieselben Zerstörungen von Dörfern, Ausplünderung der Landleute, Verwüstung der Felder und dergleichen angeführt, mit welchen die erlaubte Fehde begonnen wurde. Selbst sonst mager gehaltene Chroniken wissen doch von solchen Räubereien viel zu erzählen, wie z.B. das Chronicon Sindelfingense, dessen Verfasser, ein Canonicus Conrad von Wurmlingen, von sich selbst einmal anzuführen hatte, dass bei einer Fehde Graf Eberhardvon Württemberg und die Herrn von Kusterdingen und Dizingen "sex dotnus et horrea, foemim et annonam ac speltam meam et filiastri mei annonam ac speltam et omnia utensilia nostra incendiis et rapinis destruxerunt."

Ebenso waren diese Fehden dem Handel und der Sicherheit der Städte ungemein nachteilig, und meist waren die Fehden gegen sie ungerecht. So wurde z. B. im Jahr 1501 ein verdorbener Kaufmann von Nürnberg, Hans Paum, dort in den Schuldturm gesetzt; er entkam durch die Flucht und belangte die Stadt auf Entschädigung wegen des Gefängnisses, das er doch gerecht erlitten hatte. Als sie ihm natürlich nicht gewährt wurde, schickte er der Stadt einen Fehdebrief und fing gleich nachher einen Patrizier, Hans Tucher, der auf sein Landgut reiten wollte, und einige Bürger, die eine benachbarte Hochzeit besuchten, weg, und diese mussten sich um 3500 Gulden loskaufen. Dann verband er sich mit benachbarten Grafen und Rittern, welche diese Gelegenheit gerne ergriffen, und der Stadt und ihrem Handel wurde bis zum Jahre 1509 solcher Schaden zugefügt, dass sie am Ende froh sein musste, durch Vergleich der Fehde los zu werden. Dabei wurde oft aus unglaublich nichtigen Veranlassungen Fehde begonnen.

Die unbedeutendste Beleidigung, die geringste privatrechtliche Ansprache, wenn sie nicht gewährt und erfüllt wurde, gab Grund zur Fehde. So um nur Eines anzuführen, schickte ein Herr von Praunheim der Stadt Frankfurt einen Fehdebrief, weil eine Frankfurterin auf einem Balle seinem Vetter einen Tanz versagt und mit einem Andern getanzt hatte und die Stadt ihm nicht dafür Genugtuung geben wollte. Auch Solche, die zur Fehde nicht berechtigt waren, machten von ihr Gebrauch. Ein Koch von Eppenstein schickte mit seinen Küchenknaben einem Grafen von Solms einen Fehdebrief, hauptsächlich weil der Koch, als er für den Grafen einen Hammel schlachtete, sich selbst ins Bein gestochen hatte und der Graf ihn nicht entschädigen wollte, und ebenso erklärten einmal die Leipziger Schuhknechte den Studenten in Leipzig Fehde.

Ohnehin war es häufig, dass, wenn ein Fürst, Graf oder Ritter jemanden Fehde erklärte, auch aller Tross, der zu ihm gehörte, noch besondere Fehdebriefe schickte. Als z.B. Herzog Ludwig von Baiern die Reichsstädte Augsburg, Ulm, Esslingen und Andere im Jahr 1462 befehdete, schickten auch seine Becken Matthäus Huber, Hans Bühler und Hänslen Wolfer einen Fehdebrief an die Städte, in welchem sie, gerade wie die Ritter, unter Anderem erklärten: "und ob ihr Reichsstadt, ob solcher unserer Feindschaft Schaden nehmen möchtet, es wäre mit Brand, Brandschatzen, Todschlägen oder anderen Sachen, wie sich das machen oder begeben wird, dessen wollen wir unsere Ehre hier mit bewahrt haben."

Auf gleiche Weise findet sich vom Jahr 1450, bei der Fehde eines Markgrafen von Baden gegen die Städte Esslingen, Reutlingen und Weil, unter Anderem ein Fehdebrief an diese Städte, der unterschrieben ist: "Hanss Kaufmann, Hanss Kolbund Hensslin Bimmel, unseres gnädigen Herrn Markgrafen Recken und Buben". — Aber auch bei den Städten, wenn sie Fehde anzusagen hatten, versendeten noch die verschiedensten Einwohner besondere Briefe. Als die Stadt Esslingen im Jahr 1449 dem harten Adel Fehde ankündigte, wurde nicht nur von den Häuptern der Stadt ein Fehdebrief erlassen, sondern auch von einzelnen Bürgern, z.B. von Heinrich Steinhovel Med. Dr. und Medicus zu Esslingen, ebenso von — wie der Brief unterschrieben ist — Nicolaus v. Wyle, Stadtschreiber und seiner Schreiberknechte. So wollte Jeder in der Fehde sein Mütchen kühlen oder Teil an der Beute haben.

Einführung des Landfriedens

Doch es würde zu weit führen, wenn ich hier die Folgen des Fehderechts in allen Hinsichten verfolgen und namentlich auch zeigen wollte, welche nachteilige Einflüsse dasselbe auf den rechtlichen Stand der Unbewehrten und Schutzlosen hatte, wie das von den Rittern und Herrn geübte Faustrecht missbraucht wurde, um den Stand der Freien zu beschränken und den Bauern und Schutzbedürftigen mit den drückendsten Lasten zu überbürden, ferner erörtern wollte, wie man dem Fehderecht lange Zeit durch einzelne vertragsmäßige auf bestimmte Jahre geschlossene Landfrieden entgegenzuwirken suchte, und wie Kaiser und Reichsstände es endlich durch den gesetzlichen ewigen Landfrieden von 1495 aufhoben, aber freilich so, dass die Aufhebung lange Zeit nur auf dem Papiere bestand und die Ewigkeit jenes ewigen Friedens später mehr als 25 mal in neuen Reichsgesetzen restauriert werden musste, und es daher in Deutschland zum Sprichwort wurde, dass man dem Landfrieden nicht trauen dürfe.

Das Faustrecht (800-1100)

6. Jan 2013, 16:36
von Lindariel
Einführung

Zu dem Sittengemälde jener rohen Jahrhunderte gehört auch die Einführung der Befehdungen oder des Faustrechtes, nach dem jeder, der Beschwerden gegen einen anderen hatte, mit eigener Faust sich Genugtuung verschaffen konnte. Wer in unseren Zeiten von jemandem beleidigt wird, der geht vor den Richter und findet Hilfe; so war es auch noch bei den Franken unter Karl dem Großen; aber bald nach ihm wurde es anders. Jeder Edelmann wollte sich da selbst mit dem Schwert sein Recht erkämpfen und so entstanden tausend kleine Kriege, denen keine Gewalt, nicht mal der Kaiser, mehr Einhalt gebieten konnte.

Die Anfänge des Faustrechts

Ludwig der Deutsche erlaubte seinen größeren Vasallen, Burgen oder feste Schlösser gegen die Einfälle der Sorben, der Böhmen und anderer feindlicher Nachbarn anzulegen. Unter den nachherigen schwachen Kaisern missbrauchten sie bald diese kleinen Festungen zu Kriegen unter sich selbst. Herzöge, Grafen, Edelleute fielen einander feindlich an und machten ihre Streitigkeiten mit Feuer und Schwert, mit Plündern und Gefangennehmen, mit Mord und der Beraubung tausend Unschuldiger aus.

Die Auswirkungen des Faustrechts

Die Ankündigung der offenen Fehde (des offenen Krieges) geschah entweder förmlich durch einen Trompeter, oder wenn Misshelligkeiten durch einen Wortwechsel entstanden, durch das Hinwerfen eines Handschuhes. Wurde dieser von dem Gegner aufgehoben, so fingen alsbald die Feindseligkeiten an. Sie schlugen sich entweder persönlich, was denn ein bloßer Zweikampf war, oder sie rückten mit Ross und Mann gegeneinander zu Felde, belagerten und bestürmten sich in ihren Burgen, zerstampften mit ihren Rossen die Äcker und Saaten des Landmannes und hausten übel in dessen Wohnungen. Das Unwesen nahm schnell überhand. Jeder Edelmann hatte seine besondere Fehde, sogar die Bischöfe und Äbte schlugen sich durch ihre Vögte (Güterverwalter) herum, und alle 3 Kilometer wütete ein anderer Krieg.

Die Kaiser hatten so wenig Ansehen, dass sie diesem gesetzlosen Zustand, diesem Zurückschreiten in die Wildheit nicht mehr Einhalt gebieten konnten.

Die Geistlichkeit dämmt das Faustrecht ein

Erst als sich die friedliebende Geistlichkeit darein legte, wurde es etwas besser. Sie nahm anfangs nur den Sonntag als Ruhetag in Schutz und setzte fest, dass von Sonnabend um 9 Uhr bis Montags um Mittag keine Feindseligkeiten verübt werden sollten. In der Folge wurde von einigen burgundischen Bischöfen ein Brief bekannt gemacht, der, nach ihrer Versicherung, vor ihren Augen vom Himmel gefallen war und worin geschrieben stand, dass vier Tage in der Woche, von Mittwoch Abends bis Montag früh, sich niemand unterstehen sollte, seinen Gegner feindlich anzugreifen: wer diesem Gebot zuwider handelte, der sollte in den Bann kommen.

Hier tat nun einmal der Aberglaube und die Furcht vor dem Kirchenbann eine gute Wirkung. Die kampflustigen Ritter behielten nur drei Tage, sich miteinander herum zu tummeln und der eingerissene Unfug, der unter Ludwig dem Kind am weitesten gegangen war, ließ etwas nach unter Konrad II., der den Gottesfrieden bestätigte, (so nannte man jenen viertägigen Waffenstillstand in jeder Woche.)

Rudolf von Habsburg lässt die Raubritter hinrichten

Nach dem Tode Heinrichs V. (1125) wurde aber das Übel ärger als jemals zuvor. Die Edelleute legten Raubschlösser beinahe auf allen Bergen, Hügeln und Felsen an. Sie überfielen die Städte, plünderten die Dörfer, lauerten den vorüberziehenden Kaufleuten auf und wurden förmliche Straßenräuber. – Noch 150 Jahre lang rasten sie auf solche Weise fort, bis unter den mannhaften Kaiser Rudolph von Habsburg, der eine gute Anzahl solcher Raubgrafen und Edelleute, allen anderen zum abschreckenden Beispiel, an hohe Galgen aufknüpfen und ihre Burgen zerstören ließ, worauf endlich eine Zeit lang Friede wurde.

Ernährung im Hochmittelalter

4. Jan 2013, 18:18
von Lindariel
Ernährung im Hochmittelalter - Eine Frage der gesellschaftlichen Stellung?

1. Vorspeise

„Der Arme isst was er hat, der Reiche was er will". Ein Klischee des Mittelalters, oder doch die bittere Wahrheit? Hing die Ernährung im Hochmittelalter wirklich von der gesellschaftlichen Stellung ab?

In unserer Abhandlung der Seminarfacharbeit befassen wir uns genau mit dieser Fragestellung. Besonders wichtig erscheint uns hierbei erst einmal zu klären, welche Nahrungsmittel und Getränke die einzelnen Schichten zu sich nahmen. Darüber hinaus widmen wir uns beispielsweise auch den unterschiedlichen Problemen und Folgen der Ernährung. Das Thema fasziniert nicht nur durch die Möglichkeit Einblicke in die Kultur der Menschheit zu gewinnen, sondern auch aufgrund seiner Alltagsnähe und dessen Anschaulichkeit. Zudem gehört das Essen und Trinken zu den elementaren Bedürfnissen der Menschen, welche lebensnotwendig sind.

2. Hauptspeise

2.1. Nahrungsmittel

Viele Nahrungsmittel und Speisen wurden in der mittelalterlichen Ständegesellschaft häufig in Herrenspeise und Bauernspeise unterteilt. Doch was zählte als Herren-, und was als Bauernspeise? Wovon ernährten sich die höheren Stände, wie zum Beispiel der Adel und womit füllten die Bauern ihre hungrigen Mägen? Diese Fragen werden in den nachfolgenden Kapiteln näher untersucht.

2.1.1 Getreide, Brot und Brei

Die Grundlage der damaligen Ernährung bildete für alle Schichten das Getreide und war damit das wichtigste Erzeugnis der Bauern. Die Getreidewirtschaft ist im Hochmittelalter sogar bedeutender als die Viehwirtschaft geworden. Die Ursache dafür lag in der stetig anwachsenden Bevölkerung. Man brauchte die großen Flächen, wo früher Vieh gehalten wurde für den Getreideanbau, denn damit konnten mehr Menschen versorgt werden. Um die Fläche möglichst intensiv zu nutzen und damit eine Ertragssteigerung zu erzielen, wurde nach der Dreifelderwirtschaft angebaut. Damit lag nur ein Drittel der Flächen zur Regeneration brach, während die anderen zwei Drittel mit Getreide bestellt wurden. Der Nachteil bei diesen fest organisierten Bewirtschaftungssystemen war aber die Verhinderung der Ausbreitung anderer Kulturpflanzen und somit eine Ursache der einseitigen Ernährung. Die Fruchtfolge der Dreifelderwirtschaft war in der Regel Roggen, Hafer, Brache. Doch statt des Roggens wurde auch vielerorts Weizen und Dinkel gesät und statt dem Hafer auch stellenweise Gerste. Der Roggen, sowie auch Dinkel, Gerste und Hafer sind anspruchslose Getreidesorten. Sie können auch auf mageren Böden angebaut werden und sich an verschiedene Arten von Klima anpassen. Dadurch lieferten sie zufriedenstellende Erträge. Roggen war dabei unangefochten das wichtigste Brotgetreide im weitaus größten Teil Mitteleuropas und besonders im nördlichen und östlichen Deutschland. Der Weizen hingegen ist sehr anspruchsvoll. Er verträgt kein strenges Klima und braucht fruchtbare Böden

Doch trotz der Fortschritte im hochmittelalterlichen Ackerbau blieben die Ertragsquoten in der Getreidewirtschaft insgesamt relativ niedrig. So war die Anfälligkeit für Hungersnöte relativ hoch, denn der Ertrag musste für den Eigenbedarf und für die Abgaben an die Grundherren ausreichen.

In den meisten Fällen wurde das Getreide zu Brot verarbeitet. Brot war das Hauptnahrungsmittel und je ärmer man war, desto häufiger stand es auf dem Speiseplan. Mit der Gründung der ersten Städte im Hochmittelalter und deren Aufschwung wurde das Brot vor allem in den Bäckereien der Stadt gebacken. Man konnte dort auch sein Korn abliefern und erhielt im Gegenzug vom Bäcker eine bestimmte Menge an Brot.

Doch Brot war damals nicht gleich Brot. Es wurde zwischen "gutem" Brot und "schlechtem" Brot unterschieden. Der Unterschied bestand in der Farbe und in der Beschaffenheit des Brotes. Das Bauernbrot, also das "schlechte" Brot war dunkel, weil es mit Mehl gebacken wurde, das nicht ausgesiebt war und so noch die gesamte Kleie enthielt. Außerdem verwendeten die Bauern Getreidesorten, die anspruchslos und ertragreich sind, also zum Beispiel Roggen, Gerste und Hafer. Doch da diese stärkearm sind, geht das Brot nicht so gut auf und man erhält ein schweres Brot.

Den Reichen diente solches Brot höchstens als Teller, worauf sie ihr Fleisch legten. Nach dem Essen gaben sie dann den Armen die eingefetteten Brotscheiben oder verfütterten sie an die Tiere. Es konnte auch vorkommen, dass die arme Bevölkerung das Brot noch mit Mehl von geschälten Hülsenfrüchten strecken musste. In Notzeiten wurde auch Brot aus Rüben, Petersilie, Rettich und Zwiebeln gegessen.

Bei schlechten Witterungsverhältnissen fiel aber nicht nur die Getreideernte schlecht aus, sondern es breitete sich auch nach verregneten Sommern ein gefährlicher Schmarotzerpilz des Roggens aus. Dieser unscheinbare Pilz am Korn, auch Mutterkorn genannt, löste das damals gefürchtete Antoniusfeuer aus. Es traf vor allem die ärmeren Leute, da sie nach Hungersnöten alles in die Ernte aufnahmen, was an Korn vorhanden war, auch das Korn welches vom Pilz befallen war. Hinzukam, dass das Mutterkorn besonders kurz vor der Ernte am meisten Gift enthielt. Zuerst bekannt wurde die Mutterkornvergiftung aber unter dem Namen ignis sacer, was so viel wie heiliges Feuer bedeutet. Die Menschen glaubten, dass das heilige Feuer von Gott gesandt wurde um darin das sündige Fleisch der gegen ihn schuldig Gewordenen brennen zu lassen. Die Folgen der Vergiftung waren Halluzinationen, Brandigwerden der Gliedmaßen oder sogar der Tod. Da die Ursache des Antoniusfeuers aber nicht bekannt war, wurden auch die Hexen dafür verantwortlich gemacht.

Im Gegensatz zum dunklen und schweren Brot galt das aus fein gemahlenem Weizenmehl hergestellte Weißbrot als Herrenspeise, da Weizen ein sehr anspruchsvolles Getreide ist, das geringere Erträge liefert. Durch seinen hohen Stärkegehalt ergibt sich ein lockeres Brot, das damals einen Luxusartikel darstellte, den sich nur die höheren Schichten leisten konnten. Die Bauern aßen das Weizenbrot normalerweise nicht. Wenn sie Weizen anbauten, dann verkauften sie ihn, oder lieferten ihn beim Grundherrn ab.

Weil das helle Weizenbrot damals so wertvoll war, versuchten manche Bäcker auch das minderwertigere dunkle Brot mithilfe der seltsamsten Mittel wie zum Beispiel Kreide, Gips, weißem Töpferton, oder gemahlenen Knochen hell zu färben, oder mit Chlor zu bleichen und so teuer als Weißbrot zu verkaufen. Manchmal taten sie auch getrocknete Fliegen statt Rosinen in den Teig. Doch diese betrügerischen Bäcker wurden mit hohen Geldbußen hart bestraft. Mancherorts wurden die Bäcker aber auch öffentlich in einem Korb über eine Jauchegrube aufgehängt. Um diesen zu verlassen mussten sie aus dem Korb in die stinkende Jauche springen.

Zwischen dem Brot für die Reichen und dem Brot für die Armen gab es ein so genanntes Stadtbrot oder Bürgerbrot. Dieses bestand aus weniger fein gesiebtem Mehl und stellte die tägliche Kost des Durchschnittsbürgers dar. Dazu gehörten zum Beispiel Kaufleute und Handwerker. Man konnte die gesellschaftliche Stellung also mitunter daran erkennen, welche Farbe das Brot hatte, das gegessen wurde.

Doch es gab auch einige Menschen, die es sich gar nicht leisten konnten Brot zu essen. Denn um überhaupt Brot backen zu können, benötigte man einen Ofen, den nur wenige Bauernhöfe besaßen. Manchmal hatte eine Dorfgemeinschaft einen gemeinsamen Ofen, der aber wiederum meist im Besitz des jeweiligen Grundherrn war. Außerdem hatte der Grundherr auch das Mühlenprivileg. Wer dort sein Korn zu Mehl mahlen wollte, musste eine Gebühr bezahlen oder einen Teil des Mehls abgeben. Um das herrschaftliche Monopol zu umgehen, zerkleinerten die Bauern oftmals ihr Korn selber zu grobem Schrot für einen Getreidebrei im Mörser oder in der Handmühle. Eine Möglichkeit Brot ohne einen Ofen herzustellen gab es auch. Man legte den Brotteig einfach in einen verschlossenen Tontopf, stellte ihn unter heiße Asche und wartete bis daraus ein essbarer Fladen entstanden war. Der Nachteil dabei war aber, dass diese Brotfladen sehr schnell hart wurden und so nur mit Öl gegessen werden konnten.

Der Getreidebrei war deshalb oftmals Grundnahrung armer Leute. Er wurde aus grob zerkleinertem Getreide hergestellt und mit Wasser oder Milch aufgekocht. Oftmals wurde der Brei auch als Mus oder sogar als Brot bezeichnet, war einfach zuzubereiten und machte lange satt. Hafer zählte zu den wichtigsten Breigetreiden, denn er ist kälte- und feuchtigkeitsunempfindlich und für die Ernährung sehr wertvoll, da sein Eiweiß- und Fettanteil größer als bei anderen Getreidearten ist. Aber auch Hirse wurde zum Kochen von Brei verwendet, allerdings galt dies für die einfachen Leute oft schon als eine Festspeise

Allgemein hatten die Bürger in der Stadt einen Vorteil gegenüber der Landbevölkerung. Während die Bauern von den Produkten abhängig waren, die sie selbst auf ihren eigenen Feldern anbauen konnten, hatten die Bürger in der Stadt die Möglichkeit eine größere Vielfalt an Nahrungsmittel über die Märkte zu beziehen.

2.1.2. Fleisch

Wie schon erwähnt hatte die Viehhaltung im Hochmittelalter eine zweitrangige Position gegenüber der Landwirtschaft eingenommen. Man hatte die für das Vieh benötigte Weidefläche auf ein Minimum reduziert um mehr Platz für den Ackerbau zu haben. Doch trotz des „Trends der Vergetreidung" spielte Fleisch in der Ernährung immer noch eine wichtige Rolle. Allerdings hing die Fleischmenge von der Größe der Weideflächen ab, die man für die Viehhaltung übrig ließ. Die Viehzucht ist aber auch eng mit dem Ackerbau verbunden, weil für die Bearbeitung der Felder und für die Düngung Spanntiere gebraucht wurden. So hatten auch Bauernhöfe mit ausgeprägter Getreidewirtschaft einen kleinen Bestand an Vieh.

Der Fleischkonsum hing aber vor allem mit der gesellschaftlichen Stellung zusammen. Während sich die niederen Stände nur selten Fleisch leisten konnten, speisten die Reichen, bis auf die Fastentage, große Mengen an Fleisch. Besonders an Festen wurde beim Adel ordentlich aufgetischt. Doch einen jährlichen Pro-Kopf Verbrauch anzugeben wäre sehr gewagt, da die regionalen Unterschiede sehr groß sein konnten.

Die Bauern aßen am liebsten das fette Schweinefleisch, da das fette Fleisch viele Kalorien enthält, welches den Bauern die nötige Energie lieferte, die sie bei der schweren Arbeit auf dem Feld benötigten. Doch das war nicht der einzige Grund, warum besonders Schweine in der bäuerlichen Wirtschaft sehr geschätzt wurden. Zum einen stellten sie als Allesfresser keine hohen Futteransprüche und zum anderen wurden sie durch ihr schnelles Wachstum früh schlachtreif. Aber vor allem konsumierten die höher gestellten Schichten das wohlschmeckende Schweinefleisch oft noch sehr junger Schweine. Allgemein kann man feststellen, dass sich Leute in "besseren" städtischen Bezirken von qualitativ höherwertigerem Fleisch jüngerer Tiere ernährten, wie Knochenfunde belegen.

Das mittelalterliche Schwein kann aber nicht mit dem Schwein von heute verglichen werden. Denn Schweineknochen, die bei mittelalterlichen Ausgrabungen gefunden wurden, deuten darauf hin, dass das mittelalterliche Schwein vielmehr Ähnlichkeit mit dem Wildschwein hatte. Es ernährte sich auch von Eicheln und Bucheckern, die es im Wald fand. Die Zunahme der Waldrodung erschwerte die bäuerliche Schweinehaltung allerdings. Geschlachtet wurde das Vieh dann meist in dem Wintermonat November, um sich das Futter zu sparen, dass die Tiere sonst bräuchten. Es hing aber auch damit zusammen, dass die Naturalabgaben zu Martini (11. November), dem Beginn des Wirtschaftsjahres, fällig waren und die kalte Jahreszeit bessere Bedingungen für die Verarbeitung und Konservierung des Fleisches bot. Die Rinder wurden aber im Vergleich zu den Schweinen oft später geschlachtet, meist mit vier oder fünf Jahren, da ihre Arbeitsleistung als Zugtiere genauso wichtig war wie ihr Fleisch. Genauso wie das Schwein ist auch das Rind von damals nicht mit heute zu vergleichen. Es war etwa um ein Viertel kleiner. Seine Zuchtqualität schien im Allgemeinen auch geringer gewesen zu sein, da es sich rein zufällig auf der Allmende, auf der es weidete, fortpflanzte. Hinzukam, dass nicht darauf geachtet wurde, ob die Relation zwischen weiblichen und männlichen Tieren stimmte.

Man verwendete das Rindvieh aber nicht nur als Fleischlieferant, ihre Haut diente auch als Leder. Ein weiteres wichtiges Tier im Hochmittelalter war das Schaf. Denn es lieferte nicht nur Fleisch sondern auch Käse, Milch und Wolle, die als Grundstoff für die Kleiderherstellung sehr begehrt war. Außerdem war das Schaf relativ anspruchslos, es fand Futter im Wald, auf kargen Grasböden im Tiefland und auf Weiden im Hochgebirge. Auch für die Dreifelderwirtschaft waren die Schafe von Bedeutung. Zum einen schützten sie das brachliegende Feld vor „Verunkrautung", zum anderem traten sie die Saat tiefer in die Erde als andere Tiere. Geschlachtet wurden sie meist auf den Druck von Grundherren hin in der frischfleischarmen Osterzeit. Im Gegensatz dazu wurde das Fleisch der Ziege selbst in Notzeiten selten gegessen, aber als Milchlieferant wurde sie von den kleinen Leuten sehr geschätzt.

Die bisher genannten Fleischsorten waren alle, zwar in viel geringeren Mengen, auch den unteren Schichten zugänglich. Doch das Wild war dem Herrentisch vorbehalten. Allen anderen war durch das Jagdprivileg des Adels verboten Wild zu erlegen und somit war es ihnen auch nicht möglich es zu verzehren. Der Adel überwachte die Einhaltung dieses Vorrechtes sehr genau. Typische Jagdtiere waren zum Beispiel Hase, Rothirsch, Reh und Wildschwein. Verschiedene Knochenfunde deuten aber darauf hin, dass der Wildanteil in der Ernährung eine eher untergeordnete Rolle gespielt haben muss. Bei Ausgrabungen in Ulm-Weinheim zum Beispiel machte der Anteil an Wildknochen gerade einmal einen Prozentsatz von 1,3 % aus. Auch in Bardowick lag der Wildknochenanteil nicht viel darüber, obwohl Bardowick damals in einem Jagdgebiet lag.

Doch diese archäologischen Befunde müssen nicht unbedingt auf einen geringen Wildanteil in der Ernährung deuten. Ernst Schubert weist nämlich darauf hin, dass das Wild oftmals schon an Ort und Stelle der Erlegung verzehrt wurde. Somit konnten die Knochen gar nicht auf den Burgen gefunden werden. Diese Annahme wird auch durch die Tatsache unterstützt, dass die Jagd für die Herren ein großes Vergnügen darstellte. Jagen galt als Kunst, die mit großen Anstrengungen, Gefahren und Unsicherheiten verbunden war. Diese Umstände erhoben die Beute zu etwas Wertvollem. Der ungewisse Ausgang der Jagd machte das erlegte Tier zu einer Trophäe. Und gerade auch die Seltenheit des Wildes übte den gewissen Reiz aus, machte die Jagdbeute begehrenswert.

Auch Geflügel kam vor allem auf den Tisch der Herren. Dazu gehörten aber nicht nur Hühner, sondern auch Kapaune, Enten, Gänse und manchmal sogar Schwäne und Pfauen. Diese Vorliebe für Geflügel beruhte aber nicht nur auf dem Geschmack des Fleisches, sondern auch auf der Vorstellung, dass dieses Fleisch etwas ganz Besonderes war. Diese Annahme, so schreibt Heidrun Merkle, „beruhte auf der damals geläufigen Vorstellung von einer hierarchisch gegliederten Welt, in der alles – Menschen, Tiere und Pflanzen – einen bestimmten Platz in der Werteskala innehatte." Je weiter oben sie sind, also je größer die Nähe zum Himmel ist, desto höher stehen sie auf der Werteskala. Geflügel war also deshalb so beliebt bei den Adligen, weil die Vögel die obersten Plätze im Tierreich einnahmen. Deshalb durften sie auch bei keiner festlichen Mahlzeit fehlen. In mittelalterlichen Ernährungslehren wurde sogar erklärt, dass deren Fleisch nicht besonders nahrhaft sei und aus diesem Grund nur für die Oberschicht geeignet sei, da sie keine schweren Speisen bräuchten. Hühner und Gänse wurden trotzdem auch öfters auf einem Bauernhof gehalten, aber sie waren meistens für die Herren als Naturalabgaben bestimmt, sodass die Bauern nur sehr selten in den Genuss ihres Geflügels kamen. Doch ganz fehlten sie in der bäuerlichen Ernährung natürlich auch nicht.

Andere Haustiere wie Pferd, Esel, Hund und Katze spielten in der Ernährung keine große Rolle, da sie nur in Notzeiten gegessen wurden. Der Grund hierfür liegt auf der Hand. Pferde und Esel wurden als Zug- und Lasttiere gebraucht. Hunde mussten in erster Linie als Hüte– und Jagdtiere dienen und die Aufgabe der Katzen war die Stadt vor Mäusen und Ratten freizuhalten. Es kam aber durchaus vor, dass betrügerische Händler nach Abziehen des Fells Katzen für Hasen verkauften.

Doch nicht nur von welchem Tier das Fleisch kam bestimmte den Wert des Fleisches, sondern man unterschied auch in edle und niedere Fleischteile. Zu den niederen Fleischstücken gehörten Kleinteile und Innereien des Schlachtviehs wie Füße, Kehle, Lunge, Leber, Maul, Nieren, Hirn und Därme. Allerdings waren diese Nebenprodukte des Viehs nur für die unteren Gesellschaftsschichten bestimmt. Bedienstete an Herrenhöfen bekamen dies als Mahlzeit, wohingegen die Adligen den Braten genossen, da die Innereien als Abfallprodukte galten. Auf den Herrentisch konnten höchstens Innereien von Wild kommen.

Zusammengefasst kann man sagen, dass der Verzehr von jungen Schafen und Schweinen, Geflügel und Wild ein Privileg der oberen Gesellschaftsschicht war, genauso wie der edle Braten. Die Bauern hingegen hatten, wenn überhaupt, nur Fleisch von alten Rindern und Schweinen sowie Innereien auf dem Teller. Der gesellschaftliche Status war also auch hier von Bedeutung.

2.1.3. Fisch

Der Fisch spielte in der Ernährung, vor allem in der Fastenzeit, als Eiweiß- und Proteinlieferant eine sehr wichtige Rolle, da in dieser Zeit der Verzehr von Fleisch, Milch, Butter, Eiern und Käse strengstens untersagt war. Doch die breite Bevölkerung konnte sich in der Fastenzeit keinen erhöhten Fischkonsum leisten, im Gegensatz zu der Oberschicht. Diese verspeisten den Fisch oft in großen Mengen, da er einen hohen Stellenwert besaß. Dies war darauf zurückzuführen, dass der Einfluss der Kirche auf die Gesellschaft sich vergrößerte und somit dem Fisch als Fastenspeise eine immer größere Bedeutung zukam. Um den großen Bedarf zu decken wurden bei Klöstern und auf herrschaftlichem Grund Fischteiche angelegt. Wer also in der Lage war viel Fisch zu sich zu nehmen, demonstrierte damit auch gleichzeitig seine gesellschaftliche Stellung. Grundsätzlich durften aber auch die Ärmeren fischen, aber nur für den Eigenbedarf und in weniger ertragreichen Gewässern. Wurde mehr als für den Eigenbedarf gefischt, verpachtete man das Gewässer an Berufsfischer und beutete es aus. Oft wurden nur sehr kleine Fische verzehrt, wie Funde entsprechender Reste in Grabenhäusern kleiner Siedlungen, aber auch in Klöstern zeigen. Diese Speisereste wurden bei unterschiedlichen Gesellschaftsschichten gefunden und somit kann man davon ausgehen, dass das Nahrungsmittel bei allen Schichten mehr oder weniger vertreten war.

Die Bauern aßen meist nur Fisch aus heimischen Gewässern wie Neunauge, Äsche, Forelle und Hausen. Der Hausen, eine Störart, war besonders beliebt, weil man seine in Wasser aufgelöste Schwimmblase als Geliermittel verwenden konnte. Die Fische, die als Herrenspeise galten, waren Lachs, Hecht, Hering, Stockfisch und Kabeljau. Diese wurden, meist in eingesalzter Form, über den Fernhandel vertrieben. Der Handel mit konserviertem Fisch kam im 11. Jahrhundert auf, wobei er seine Blüte im 12. Jahrhundert erreichte. Im Spätmittelalter wurde der Hering, der vor dem 13. Jahrhundert nur in Küstennähe und nicht im Binnenland bekannt war, zum Volksnahrungsmittel.

2.1.4. Gemüse, Hülsenfrüchte und Obst

Die pflanzliche Nahrung hatte unter den mittelalterlichen Medizinern im Gegensatz zu heute keinen so guten Ruf. Obst und Gemüse galten als deutlich weniger nahrhaft im Vergleich zu Brot und Fleisch. Wenn man es aber aß, sollte man dies unbedingt vor dem eigentlichen Essen tun, damit die Verdauung der anderen Lebensmittel nicht beeinträchtigt wurde. Hildegard von Bingen riet sogar ganz vom Verzehr von frischen und rohen Früchten ab, da sie Magenund Milzschmerzen auslösen können. Man sollte sie vor dem Verzehr erst richtig zerkochen und mit Gewürzen und Essig verfeinern.

Obst und Gemüse hatten allerdings nicht den gleichen Stellenwert. Gemüse galt als Bauernspeise, Obst eher als Herrenspeise. Die Bauern hatten die Möglichkeit in ihren eigenen Gärten Gemüse wie Rüben, Lauch, Zwiebeln und Kohl anzubauen, die sie dann meistens zu Suppen oder Eintöpfen weiterverarbeiteten. Bei den Bauerngärten handelte es sich um schlichtes Nutzland, das nahe am Haus lag und nicht um Zier- oder Blumengärten. Besonders alt ist der Anbau von Hülsenfrüchten. Am häufigsten wurden Erbsen, Bohnen und Linsen angebaut. Neben dem Getreide gehörten die Hülsenfrüchte zu den wichtigsten pflanzlichen Nahrungsmitteln, da sie im Vergleich zu anderen Pflanzen viele Proteine beinhalten. Gerade für die Bauern, die nicht viel Fleisch zur Verfügung hatten oder für die Mönche, die kein Fleisch aus religiöser Überzeugung zu sich nahmen, waren diese Proteine also sehr wichtig. Die Hülsenfrüchte wurden in verschiedener Form verzehrt. Zum einen wurden die Samen und Hülsen als Brei oder Eintopf zubereitet und zum anderen wurde daraus Mehl hergestellt. Dieses wurde mit Getreidemehl vermischt und zu Brot gebacken.

Da vor allem die Bauern viel pflanzliche Nahrung zu sich nahmen, wurden viele Gemüsesorten als typische Bauernspeisen angesehen und als Symbol der bäuerlichen Nahrung von den höheren Klassen verachtet. Die Vorstellung über die hierarchisch gegliederte Welt kommt auch hier wieder zum Tragen. Gemüse, das ganz nah am Boden oder sogar in der Erde wächst, wurde vom Adel als minderwertig angesehen. Knollen und Wurzeln standen ganz unten auf der Werteskala, etwas höher standen Kräuter und Sträucher und auf der höchsten Stufe standen schließlich Bäume. Man dachte tatsächlich, dass je höher eine Pflanze wachse, desto besser sei die Verdauung der Nahrung. Die Früchte zählten also zu den edlen Speisen, waren sehr begehrt und galten sogar als Luxus, was sich an den hohen Marktpreisen auch deutlich zeigte. Besonders beliebt waren Kirschen, Weintrauben, Feigen, Pfirsiche, Äpfel und Birnen, im Sommer als frische Früchte und das übrige Jahr als Trockenfrüchte.

Dass das Obst tatsächlich eine Herrenspeise war, darauf deutet auch eine Novelle hin. Diese kurze Erzählung handelt von einem Landeigentümer, der einen Bauern beim Stehlen von Früchten erwischte und ihn mit folgenden Worten in die Schranken verwies: „’Laß in Zukunft die Früchte meinesgleichen in Ruhe und iß deine, die da sind Rüben, Knoblauch und Schalotten mit Hirsebrot.’" So kam die untere Gesellschaftsschicht nur sehr selten in den Genuss von frischen Früchten. Natürlich gab es aber auch unter den Bauern welche, die in ihren Gärten Obstbäume gepflanzt hatten, dennoch konnten sie nicht immer frei darüber verfügen und so blieb ihnen nur das Sammeln von Wildobst. Doch vor allem wurde Obst und Gemüse in den Klostergärten angebaut. Im Mittelalter waren es auch die Mönche, die sich als Erste um die Kultivierung von Obstanlagen kümmerten. Der Klostergarten war in drei verschiedene Gärten eingeteilt, in einen medizinischen Kräutergarten, einen Gemüsegarten und einen Baumgarten, welches schon Quellen des St. Galler Klosterplans aus der Karolingerzeit belegen.

Bis etwa zum 12. Jahrhundert war es in den Burgen noch so beengt, dass man einen Garten nur außerhalb der Burg, in der nähren Umgebung anlegen konnte. Erst als die Burgen dann mit dem 12. Jahrhundert allmählich größer wurden, wurden innerhalb der Burgmauern Nutzgärten angelegt. In einem Belagerungsfall war somit die Versorgung der Verteidiger gewährleistet. Solche Burggärten erfüllten daher eine vorwiegend praktische Funktion, bis im Spätmittelalter der anfangs bescheidene Garten zum „Lustgarten" wurde.

Zusammengefasst kann man sagen, dass vor allem von der ländlichen Bevölkerung, den eher Ärmeren in der Stadt und in den Klöstern Gemüse und Hülsenfrüchte verzehrt wurden. Obst war vor allem beim Adel sehr beliebt.

2.1.5. Milchprodukte

Eier, Milch und Milchprodukte waren sowohl Bestandteil der bäuerlichen als auch der herrschaftlichen Ernährung. Dennoch war vor allem die Butter sehr lange Zeit der Oberschicht vorbehalten, bis sie seit dem Hochmittelalter auch dem einfachen Volke zugänglich war. In die Butter wurde meistens auch Salz getan, damit sie länger haltbar blieb und sich so auch zum Export eignete. Im Spätmittelalter wurde die Butter manchmal sogar mit Ingwer und Zimt gewürzt.

Die Viehbauern und Hirten, die keine Getreidewirtschaft betrieben, ersetzten diese Erzeugnisse oft durch Milch und Milchprodukte in Form von Butter und Käse. Beim Weidevieh kümmerte sich der Hirte um das Melken und die Verarbeitung der Milch, während bei der Stallwirtschaft die Bäuerin diese Aufgaben übernahm. In den Klöstern wurden von den asketisch lebenden Mönchen, die auf Fleischnahrung verzichteten und sich ersatzweise von Milchprodukten und pflanzlichen Erzeugnisse ernährten, Impulse zur vermehrten Butterherstellung gegeben.

2.1.6. Kräuter und Gewürze

Kräuter und Gewürze spielten in der mittelalterlichen Ernährung eine große Rolle. Doch überwiegend nur in der Oberschicht. Das Essen der Armen war vermutlich sehr fad und eintönig, wenn überhaupt konnten es sich die einfachen Leute nur leisten ihr Essen mithilfe von einheimischen Kräutern zu verfeinern. Zu den einheimischen Kräutern zählten zum Beispiel Petersilie, Koriander, Dill, Pfefferkraut, Gartenmohn, Kümmel, Liebstöckel und Salbei. Diese wurden entweder im Garten angebaut oder in der Natur gesammelt. Die Klöster hatten meist auch einen Kräutergarten, in dem Kräuter gepflanzt wurden. Doch nicht nur fade Essen wurden damit gewürzt, auch als Heilmittel wurden sie eingesetzt. Der Salbei galt als Allheilmittel, wohingegen Kümmel und Koriander als Verdauungshilfen verwendet wurden. Dass die Kräuter sowohl als Heilmittel, wie auch als Gewürz eingesetzt wurden, zeigt auch ein Spruch, den Karl der Große über die Kräuter gesagt haben soll. Die Kräuter sind „die Freunde der Ärzte und der Stolz der Köche."

Die reiche Oberschicht brauchte sich nicht nur auf die einheimischen Kräuter zu beschränken, denn sie war auch in der Lage sich reichlich mit teuren orientalischen Gewürzen zu versorgen. Diese waren sehr beliebt und kamen über den Fernhandel nach Europa. Ein möglicher Grund für deren Beliebtheit könnte sein, dass die Kreuzfahrer nicht mehr auf die Gewürze verzichten wollten, die sie im Orient schon gewohnt waren. Seit dem 10./11. Jahrhundert vergrößerte sich der Gewürzhandel sehr stark und es konnten so große Handelsstädte entstehen. Zu den beliebtesten Importgewürzen zählte Pfeffer und Safran. Daneben wurde noch Zimt, Kardamon, Gewürznelken, Muskatnuss und Ingwer importiert. Doch die Menge an Pfeffer, die importiert wurde ist nicht von den anderen Gewürzen zu übertreffen, denn „1 Million Kilo Pfefferimport pro Jahr stand etwa 1 Million Kilo Import aller anderen Gewürze gegenüber." Mithilfe des Pfeffers kamen einige Fernhandelsfamilien zu Reichtum.

Den absoluten Luxus stellte der Safran dar. Dieser kostete ein Vermögen, da man hunderttausende Narben des Crocus sativus brauchte um gerade einmal ein Kilo Safrangewürz zu erhalten. Er war sogar so wertvoll, dass er mit Gold aufgewogen wurde. Verteuert wurde er zudem noch auf der weiten Strecke durch die zahlreichen arabischen Zwischenhändler. So waren 500 Gramm Safran ungefähr so viel wert wie ein Pferd. Safran wurde nicht nur zum Würzen verwendet, sondern auch um die Speisen zu färben. Zusätzlich wurde es als Potenzsteigerungsmittel sehr geschätzt.

Ein für den Menschen unverzichtbares Gewürz war das Salz. Deshalb wurde es zu einem wichtigen Handelsgut. Nicht umsonst wurde Salz als weißes Gold bezeichnet. Es wurden sogar Kriege aufgrund des Salzes geführt. Jeder wollte am Handel beteiligt sein und so erhoben Landesherren einen Salzzoll auf den durchkommenden Transport. Als Gegenleistung garantierten sie Schutz vor Überfällen. Im 12. Jahrhundert führte eine wichtige Salzhandelsstraße nahe an dem heutigen München vorbei. Heinrich der Löwe wollte daraus Profit schlagen und zerstörte die Brücke an der Isar um die Zollstation nach München zu verlegen. Von diesem Zeitpunkt an bekam Heinrich der Löwe das Zollgeld und aus einer kleinen Siedlung wurde eine wichtige Salzhandelstadt. Ohne das Salz gäbe es München vielleicht heute nicht. Der Handel mit Salz im hohen Mittelalter war aber noch ziemlich unorganisiert, deshalb war es sehr teuer.

Insgesamt waren die Gewürze echte Luxusgüter und daher nur einer kleinen Oberschicht vorbehalten. Doch diese verwendete sie für unsere heutigen Verhältnisse in ungewöhnlich großen Mengen. Als sorgfältiges Abschmecken kann dieser verschwenderische Umgang mit den Gewürzen nicht bezeichnet werden. In den Kochbüchern ist auch nie nur von einem Gewürz die Rede, sondern gleich von einer ganzen Menge an verschiedenen Gewürzen. Die Gründe für den hohen Gewürzverbrauch waren vielfältig.

Ein Grund war sicherlich, dass die teuren Gewürze im Mittelalter als Statussymbol galten. Der Adel konnte seinen Reichtum also am besten zur Schau stellen, wenn er verschwenderisch mit den kostspieligen Gewürzen umging. Aber vor allem auch die Stadtbewohner und Bürger demonstrierten hiermit ihren sozialen Aufstieg. Das Ansehen der Speisen stieg mit der Schärfe und es galt als höchste Kochkunst den ursprünglichen Geschmack der Speisen völlig zu überdecken.

Mit den unterschiedlichsten Gewürzen wurden sie zusätzlich noch in verschiedene Farben gefärbt. Man wollte aber nicht, wie oft behauptet wird den verdorbenen oder alten Geruch des Fleisches mit den Gewürzen überdecken. Denn wer sich so viele teure Gewürze leisten konnte, der gab sich bestimmt nicht mit minderwertigem Fleisch zufrieden. Außerdem war den Menschen damals auch schon die Gefährlichkeit von schlecht gewordenem Fleisch bewusst. Vielmehr wollten sie den starken Salzgeschmack, der durch die Konservierung mit Salz entstand, überdecken. Zudem führte der Glaube an die heilende Wirkung auch häufig zum hohen Gebrauch. Ebenfalls ist es möglich, dass durch die langen Transportwege die ätherischen Öle der Gewürze zum größten Teil verflogen sein könnten und so der typische Geschmack erst mit einer deutlich größeren Menge erreicht werden konnte.

Der verschwenderische Umgang mit den Gewürzen endete erst im Verlauf des 16. Jahrhunderts. Von da an betonte man wieder mehr den Eigengeschmack der Nahrungsmittel, anstatt ihn zu übertönen.

2.1.7. Süßungsmittel

Honig war damals der einzige Süßstoff, denn Zucker gab es erst im 14. Jahrhundert. Somit kam ihm eine wichtige Funktion zu. Denn Honig war nicht nur geeignet um den Speisen die nötige Süße zu verleihen, sondern auch zur Konservierung. In der Medizin wurde der Honig auch zur Wundbehandlung und bei Magen- und Darmbeschwerden eingesetzt.

Im Hochmittelalter verstärkte sich die Hausbienenhaltung in Westeuropa, da immer mehr Wald zugunsten des Getreideanbaus gerodet wurde und somit der Lebensraum der Wildbienen eingeschränkt wurde. Als Rohstoff lieferte die Biene aber nicht nur Honig, sondern auch Wachs für Kerzen oder für das Imprägnieren von Stoffen. Die Bienenzucht wurde häufig von den Bauern als Nebenbeschäftigung ausgeführt. Doch sie mussten sehr oft Wachsund Honigzinsen an ihre Grundherren zahlen.

Essen und sonstige Ernährung im Mittelalter

4. Jan 2013, 18:05
von Lindariel
Einführung: Essen und Trinken im Mittelalter

Ernährung bedeutete im Mittelalter etwas anderes als heute. Wir sind es heutzutage gewohnt, zu jeder Jahreszeit Lebensmittel aus aller Welt zur Verfügung zu haben. Damals war man abhängig von der Jahreszeit und den regional begrenzten Angeboten. So konnte man Spinat fast ausschließlich im Frühjahr genießen, grüne Erbsen im Sommer, Radieschen im Herbst und Grünkohl im Winter. Regionale Einschränkungen gab es z. B. für Wein, der wegen dem besseren Klima hauptsächlich in Süddeutschland angebaut werden konnte.

Wovon ernährten sich also unsere Vorfahren tagtäglich oder bei besonderen Anlässen? Wie kam das Essen auf den Tisch und wie entstanden Hungersnöte?

Wenn man an Rittermahle denkt, hat man die ausschweifenden Gelage im Sinn, die am königlichen Bankett veranstaltet wurden. Bei diesen Gelagen gab es Nahrung im Überfluss (bis zu 10 Gänge), Musik, Wein und ausgelassene Stimmung. Man stopfte sich den Ranzen voll und Tischmanieren im heutigen Sinne waren noch gar nicht bekannt. Doch diese Vorstellung spiegelt nur die Festtagsessen am königlichen Hof wider. Die tägliche Nahrung der breiten Bevölkerungsschicht sah sehr viel karger aus.

Überlieferungen erzählen meist nur von diesen Gelagen. Informationen über die tägliche Ernährung der Bevölkerung müssen also anders beschafft werden. Und hier bieten Latrinen eine wahre Goldgrube. In den mittelalterlichen Toiletten haben sich alle erdenklichen Abfälle und Ausscheidungen angesammelt, mit deren Hilfe Forscher (Archäologen) ziemlich genau nachweisen können, wie das tägliche Brot der Menschen im Mittelalter aussah. Ein Ausschnitt aus dem Tagesablauf eines Bauern um das Jahr 1000:

„Es ist ein milder Frühlingstag. Theudebert verlässt in der Morgendämmerung sein Haus, um auf dem Feld zu arbeiten. Gegessen hat er noch nichts. Die erste Mahlzeit wird zur Mittagszeit von seiner Frau zubereitet. Er führt seinen Ochsen mit dem Holzpflug neben sich auf das Feld hinaus. Auf dem Weg sieht er einige wild wachsende Pflanzen, nach denen er sich bückt, um sie zu auf dem Weg zu essen. Er sieht Sauerampfer und weiß, dass die länglichen, grünen Blätter in seinem Mund sauer schmecken werden. Weiter hinten am Feldrand pflückt er ein paar Blätter Kapuzinerkresse. Auch hier kennt er den Geschmack und steckt sich eines der scharf-würzigen Blätter in den Mund. Zu essen bekommt er bis zur Mittagszeit nur das, was die Natur auf seinem Weg hergibt. Im Sommer und Herbst wird dies mehr sein, im Winter so gut wie nichts. Trotz der kargen Mahlzeit knurrt schon sein Magen und er denkt an das Mittagsessen...

Nachdem Theudebert das Feld mit Furchen durchzogen hat, etwa 30 in der Länge und 10 in der Breite, kehrt er mit seinem Ochsen zum Haus zurück. Hildegard, seine Frau, hat schon das Mittagessen auf den Holztisch gestellt. In Holzbechern serviert sie einen Brei aus Mehl und Milch mit Honig gesüßt – die gleiche Mahlzeit wie fast jeden Tag. Das Essen wurde in einem Kessel über der Feuerstelle im Haus aufgewärmt. Theudebert bekommt von dem Essensgeruch starkes Magenknurren. Er setzt sich zu seinen Kindern auf einen Holzschemel und gießt sich Molke ein – das gleiche Getränk wie fast jeden Tag. Aber Theudebert beklagt sich nicht. Er weiß, er kann froh sein, dass überhaupt Essen auf dem Tisch steht. Oft genug hat er schon erlebt, dass das Mittagessen wegen Missernten und die dadurch gestiegenen Getreidepreise ausfallen musste."

Man sieht also, die Ernährung der ärmeren (breiten Masse der) Bevölkerung war karg und eintönig. Wir gehen in diesem Artikel trotzdem auf möglichst viele Facetten der mittelalterlichen Ernährung ein.

Ernährung im Frühmittelalter

Die mittelalterliche Küche wurde von der antiken Kochkunst der Römer beeinflusst. Da die Römer auf ihren Eroberungszügen die Speisen und Getränke aus den verschiedensten Ländern kennenlernten, war die antike Küche auch recht vielfältig. Lange Zeit galt die römische Küche noch als die einzige einer zivilisierten Gesellschaft würdige Küche. Aus der Antike wurde das berühmte Kochbuch „de re coquinaria“ von Apicius überliefert, das in Klöstern überdauerte und so die Küche des Mittelalters erreichte.

So erinnerte man sich seit dem Frühmittelalter noch an einige Pflanzen und Rezepte, die seitdem in mehr oder weniger veränderter Form Anwendung fanden. Auch die Gewohnheit großzügig zu würzen wurde aus der Antike übernommen. Jedoch konnten sich nur Adelige die unermesslich teuren Gewürze aus fremden Ländern leisten, was dazu führte, dass reich gewürzte Speisen auch als Statussymbol dienten – man konnte damit seinen Reichtum zeigen. Die ärmere Bevölkerung hatte keine Möglichkeit, fremdländische Gewürze zu benutzen. Hier kamen, für unsere heutigen Essgewohnheiten, übermäßig scharfe Gerichte auf den Tisch, da man mit der Schärfe den Salzgeschmack überdecken wollte, der durch das Haltbarmachen einiger Speisen, besonders von Fleisch und Fisch, entstand.

Veränderung der Esskultur

Mit der Klimaverbesserung im Hochmittelalter veränderte sich auch die mittelalterliche Küche. Ab dem 11. Jahrhundert konnten mehr Getreide und Gemüsesorten angebaut werden, die Waldflächen wurden zugunsten von Feldern reduziert, viele neue Städte entstanden. Doch die Felder und mit ihnen sogar die Bauern, die diese bearbeiteten, waren Eigentum der reichen Landesherren. Im Frühmittelalter musste der Bauer bei guten Ernten einen Grossteil seiner Ernte abgeben. Selbst behalten durfte er nur das, was er und seine Familie selbst essen konnten. Also besaß ein Bauer so gut wie nichts, da er für seine Arbeit natürlich nicht bezahlt wurde. Aber auch bei Missernten war er verpflichtet eine bestimmte Menge seiner Erträge abzugeben. Und wenn er dazu nicht im Stande war, musste er bei seinem Landesherren Schulden machen.

Vom 10. bis zum 13. Jahrhundert wurden die Bauern „reicher“. Sie hatten mehr zu Essen, mehr Besitz und ihr Selbstwertgefühl war gestiegen. Auch die Gesamternährungslage durch das Klima im Hochmittelalter besserte sich, jedoch gab es, auch durch Missernten und die schamlose Ausnutzung der Macht einiger Landesherren, immer wieder schwerwiegende Hungersnöte.

Ackerbau

Zur Bearbeitung der Felder wurden im Frühmittelalter Ochsen und Pflüge aus Holz gebraucht. Das Holz zerbrach oft und man musste den Boden mit Schaufeln nachbearbeiten. Erst ab dem Hochmittelalter gab es Pflüge aus Eisen. Ochsen arbeiten langsamer als Pferde, die ebenfalls erst im Hochmittelalter und mit passendem Zuggeschirr verwendet wurden. So war der Ertrag einer Ernte im Frühmittelalter nur etwa doppelt so hoch wie die Aussaat. Ab dem Hochmittelalter wurde die Landwirtschaft dann durch verschiedene Erfindungen (bspw. Räderpflug, Hufeisen, Sense, Windmühle, Dreifelderwirtschaft usw.) revolutioniert. Nicht zuletzt daher hat das Hochmittelalter seinen Namen.

Kochbuch

Das älteste erhaltene deutsche Kochbuch ist „daz buoch von guoter spise“ aus dem Jahr 1345. Die Rezepte in diesem Buch dienten zum Kochen von Festtagsmahlzeiten, denn die alltäglichen Speisen mit Brot, Kraut und Rüben bedurften keiner großen Kochkunst und wurden ohnehin schon von jeder kochfähigen Frau beherrscht. Auch wurden die Kenntnisse der Kochdauer und Mengenbemessungen vorausgesetzt. Kraut und Rüben galten übrigens als ordinär und für die armen Menschen würdig. Die reichen Herren wollten diese „unwürdigen“ Gemüse nicht verzehren.

Körpergröße

Die Ernährung hatte erheblichen Einfluss auf die Körpergröße. Ist die Ernährung in den Wachstumsjahren eines Menschen üppig und mit vielen tierischen Eiweißen, so steigt die durchschnittliche Körpergröße. So konnten die Menschen im Frühmittelalter durch die eiweißhaltige, tierische Nahrung größer werden als die Menschen im Hochmittelalter. Im Spätmittelalter sinkt die Körpergröße wieder stetig, bedingt durch das Absinken der Temperaturen und der schlechten Nahrungsmittelversorgung. Interessant ist auch, dass Angehörige reicher Familien größer waren als die der armen Bevölkerungsschicht, denn sie konnten sich das bessere Essen leisten.

Doch nicht nur die Menschen, sondern auch die Haustiere waren im Mittelalter erheblich kleiner - etwa halb so groß wie die heutigen Nutztiere. Ein Huhn im Mittelalter bekam Körner zu Essen; es wuchs allmählich bis es nach einigen Monaten ausgewachsen war. Dabei konnte es auf dem Hof herumspringen und Muskeln ausbilden. Dadurch verbrannte es auch Körperfett. Ein Huhn heutzutage wird auf engstem Raum gehalten, damit es sich nicht bewegen kann. Es bekommt Wachstumspräparate zu Essen ist innerhalb von 2 Wochen ausgewachsen und zwar größer als ein normales Huhn.

Beim Schwein ist es ähnlich. Damals wurde es nicht nur in einem Stall gehalten, sondern wurde so oft es geht in den Wald getrieben, um dort Bucheckern und Nüsse zu essen. Es hatte kargere Ernährung und mehr Bewegung als die heutigen Schweine. Außerdem ist auf Bildern aus dem Mittelalter noch die Verwandtschaft zum Wildschwein zu erkennen mit den dunklen Borsten und Hauern. Das ist heute alles weggezüchtet.

Bekannte Nahrungsmittel

Auch wenn die mittelalterliche Küche von Früh- bis zum Spätmittelalter eine große Vielfalt an Lebensmittel aufweist, so bleibt diese Vielfalt doch den reichen Herren vorbehalten. Die Hauptmahlzeit der armen Bevölkerung bestand aus Brot, Kraut und Rüben und Bohnen.

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